700 Jahre Ahrensburg: Das Theater im Marstall mit einer begeisternden Geschichtsstunde

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Ahrensburg (ve). Was für ein Theater! Am Ende stand das gesamte Publikum begeistert applaudierend im Marstall. Die frühere Stadtarchivarin Christa Reichardt eilte ans Mikrofon und rang um Worte der Euphorie: „Sie haben das so toll umgesetzt!“, fiel ihr ein, oder: „Und eine so schöne Sprache gefunden“, oder: „Und es war so heiter und schön gespielt!“. „Es“ – das war das Theaterstück „Die Grafen lassen bitten“, dass die Theatergruppe des Marstall zur 700 Jahr-Feier der Stadt Ahrensburg uraufgeführt hat.

Szenenbild des Hexenprozesses.

Szenenbild des Hexenprozesses.

Gab es in Ahrensburg eigentlich Hexenverbrennungen? Sklaven aus Afrika? Und wann wurden zum ersten Mal die Teiche entschlammt? Was ist eigentlich ein Dreieckshandel? Das Publikum weiß das jetzt alles. Und mit welcher Intensität wurde es ihnen beigebracht! Laut schreiend wehrte sich die Hexe gegen ihr Todesurteil, dass noch dem Ahrensburger Zuschauer in der letzten Reihe das Blut in den Adern gefror. Der Irrsinn dieser Anschuldigungen, die totbringende Hilflosigkeit der Verurteilten, die Überzeugung über die Richtigkeit des Urteils – alles war in den Gesichtern der Darstellerinnen und Darsteller zu lesen.

Bauern, Bürger – Menschen stehen auf der Bühne

Sie standen meistens auf der Bühne: Die „kleinen Ahrensburger“, die Bürger von der Straße – oder besser vom Feldweg. Die Bauern und Leibeigenen, die im Dorf Woldenhorn mit ihren Nachbarn aus Timmerhorn und Siek rangen. In ganz unterschiedlicher Weise setzte Autor, Dramaturg und Regisseur Armin Diedrichsen ihre Lebenswelt auf die Bühne.

Köstlich gleich der Einstieg in die Geschichte aus dem Jahr 734: Die Entschlammung der Teiche. Was für ein aktueller Bezug, auch wenn es nicht die Schlossteiche sein konnten! Der Streit zwischen den Fischern und den Mönchen, wer ist zuständig, wer profitiert, wer bezahlt? Wie schön die Streithähne auf der Bühne sich einander anraunzten. Genau wie heutzutage.

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Ganz anders dann die Rezitation des Gedichts „Tage der Rosen“ von Kurt Tucholsky. Gefühlvoll, ernst aber nicht überfrachtet brachten drei Darsteller das Kriegsgedicht auf die Bühne. Von dieser Gegensätzlichkeit, dem Ernsten und Heiteren, dem liebevollen und fragenden Blick auf die Menschen lebt das Stück – und die Geschichte der Stadt.

Viel Raum bekamen die Rantzaus und die Schimmelmanns. Klar – haben sie doch das Schlossensemble und das Dorf entwickelt. Wann und warum kaufte Carl Friedrich Schimmelmann das Herrenhaus? Für die Erläuterung des Dreieckshandels ließ sich Diedrichsen etwas Näckisches einfallen: Er machte daraus eine Schulstunde mit drei lustlosen Halbstarken, einem Streber und einer ungnädigen Lehrerin.

Was hat der Dreieckshandel mit einem Dreieck zu tun?

Ob das Publikum am Ende nun die letzte Frage eines der Halbstarken „Was hat das alles mit Dreiecken zu tun?“ beantworten konnte oder nicht, eines war deutlich geworden: der Großkapitalismus der Schimmelmanns. Der die Menschen in Ahrensburg von ihrer Leibeigenschaft befreite und andere dafür in die Sklaverei trieb. Wo liegt da eigentlich der Unterschied zum heutigen Kapitalismus?

Das ist der Charme des Stückes – Geschichte immer aus dem heute betrachtet, hinter den Daten und Fakten stehen Menschen wie heute. Mit sehr viel Augenzwinkern blickt Diedrichsen auf die Bauern und Herrscher. Wie sehr das der Realität entspricht, ist schwer zu sagen. Im Mittelalter hatte man sein Mittagessen noch nicht auf facebook gepostet, die Datenlage ist da etwas anders. Die frühere Stadtarchivarin Reichardt und mit ihr der Historische Arbeitskreis, der konzeptionell über allem stand, sowie die heutige Stadtarchivarin Dr. Angela Behrends waren sich allerdings in ihrem Urteil einig: So oder so ähnlich könnte es gewesen sein.

Standing Ovations nach der letzten Szene.

Standing Ovations nach der letzten Szene.

Viel Lob aus dem Saal

Einig waren sich auch viele im Publikum. Der Landtagsabgeordnete Tobias Koch, der Vorsitzende des Marstallvereins Lutz Reuter, die Theaterfachfrau Sabine Schwarz vom Verein Theater und Musik: „Super!“ Maren Kahl von der Stadtverwaltung, Bernard Bonnin – wen wir auch fragten: „Das ist ein echt tolles Stück!“ Schade, dass es nur einmal gespielt wird – ergänzte so mancher. Und noch ein Kritikpunkt: Im Publikum fehlte die Altersklassen zwischen 16 und 46. Nur vereinzelt waren jüngere Leute anzutreffen, ihre Generation verpasste die Chance auf eine kurzweilige, sehr humorvolle sowie nachdenklich stimmende Geschichtsstunde.

Das Ensemble des Marstall-Theaters mir Regisseur Armin Diedrichsen (sitzend in der Mitte).

Das Ensemble des Marstall-Theaters mir Regisseur Armin Diedrichsen (sitzend in der Mitte).

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1 Kommentar

  1. Im Rahmen der 700 Jahrfeier haben wir so viele Höhepunkte gehabt, angefangen bei der Ausstellung, über die vielen tollen Vorträge bis hin zum gelungenen Bürgerbrunch mit den vielen Ahrensburger Vereinen und Ehrenamtlichen. Die Aufführung gestern war noch einmal ein zusätzlicher Höhepunkt auf dem man kurzweilig in 2 Stunden die Geschichte Ahrensburgs erleben konnte.
    Vielen Dank an die Organisatoren und die Akteure von
    Hannelore und Jürgen Plage

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