Klamms Krieg: Andreas Zimmermann maßvoll und gewaltig

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Ahrensburg (ve). Andreas Zimmermann hat sich viel vorgenommen. Und setzt es mit Macht um.

Andreas Zimmermann als Herr Klamm in "Klamms Krieg" von Kai Hensel. Foto:Monika Veeh/ahrensburg24.de

Andreas Zimmermann als Herr Klamm in „Klamms Krieg“ von Kai Hensel.
Foto:Monika Veeh/ahrensburg24.de

„Viel“ – das ist das Ein-Personen-Theaterstück „Klamms Krieg“ von Kai Hensel. 80 Minuten Theater fokussiert auf eine Person, ein Thema, eine Geschichte. Und das ist keine einfache Geschichte, es geht um den Selbstmord eines Schülers. Gestern war Premiere der Inszenierung, heute und morgen gibt es weitere Aufführungen.

Herr Klamm ist es, der Lehrer von Schüler Sascha. Sascha hat sich umgebracht, weil er das Abitur nicht geschafft hat. „Lehrer sind Mörder“ wird Andreas Zimmermann in einer Szene des Stückes immer wieder schreien und imaginär mit seinem Blut an die Wand seines Badezimmers schreiben. Es ist sein Punkt, der einzige, letzte Punkt, der Sascha zum Abitur gefehlt hat.

Herr Klamm hat seine Prinzipien. Schüler müssen etwas wissen, damit sie das Abitur bekommen. Das muss doch so sein! Immer wieder zeigt Andreas Zimmermann, das Klamm nicht anders kann, das er mit dieser Haltung sogar Kollegen und die Schulleitung gegen sich aufbringt. Und doch zeigt Zimmermann: Das ist keine Prinzipienreiterei, sondern Angst vor Verweichlichung, Angst, dem Auftrag als Lehrer nicht gerecht zu werden. Genau das, was Klamm seinen Kollegen vorwirft.

An diesem feinen Grad arbeitet Zimmermann: Klamm leidet, wenn Schüler nicht lernen und wenn Lehrer nicht lehren. Doch dieses Leid kippt gerne in Spießigkeit, bleibt es unverstanden, in Sturheit. Zimmermann gelingt es, diese Sturheit, die Verzweiflung und Hilflosigkeit so zu zeigen, dass das Publikum sich nur schwer entscheiden kann zwischen Mitleid mit einem edlen Charakter und Verachtung für eine lächerliche Figur.

Andreas Zimmermann als Herr Klamm in "Klamms Krieg" von Kai Hensel. Foto:Monika Veeh/ahrensburg24.de

Andreas Zimmermann als Herr Klamm in „Klamms Krieg“ von Kai Hensel.
Foto:Monika Veeh/ahrensburg24.de

Zimmermann schreit und kotzt, er frisst Kakerlaken, petzt und brüllt Unflätiges aus dem Fenster. Er trinkt, stürzt, er lacht, ist überheblich oder unterwürfig. Ein Mensch am Rande seiner Möglichkeiten, den eigenen Anspruch und die Wirklichkeit zu integrieren. Nur eines macht Andreas Zimmermann nicht: Er übertreibt nicht. Er nutzt den Lehrer Klamm nicht zur Selbstdarstellung, das Stück nicht zur artifiziellen Überzeichnung. Diese Inszenierung bleibt genau dort, wo sie am deutlichsten wird: Mitten in der Realität und der Gegenwart.

Zaghaft setzt er dazu auch das Publikum ein, das im Konzept des Stückes als Schulklasse eingeplant ist. Gerade so, das keiner Angst haben muss, wirklich gemeint zu sein. Aber bei der Premiere nicht weit genug, um Lacher komplett im Keim zu ersticken. Der eine oder andere der über 40 Zuschauer lacht, wenn Zimmermann frotzelt – in der Klasse ist sicher keinem mehr zum Lachen zumute.

Andreas Zimmermann hat sich viel vorgenommen – und viel geschafft. 80 Minuten lang lässt er seine Schülerinnen und Schüler nicht los. Denn eines ist klar: Selbstmord, Mord und Gewalt sind auch an Ahrensburger Schulen Thema, Waffengewalt an vielen Schulen Alltag. Das Theaterstück ist kein Theater, sondern Wirklichkeit, die wir gerne verdrängen.

Wer es sehen möchte: Heute Abend und am morgigen Sonnabend, 4. Februar 2017, jeweils um 20 Uhr im Ahrensburger Marstall, Lübecker Straße 8 in Ahrensburg. Das Stück ist übrigens auch für Schülerinnen und Schüler geeignet! Der Eintritt kostet zehn Euro.

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