Missbrauch in Ahrensburg: Kein Mühlstein gegen sexuelle Gewalt

Ahrensburg (ve). Ahrensburg hat eine leidvolle Geschichte durch den sexuellen Missbrauch, ein Pastor hat sich über mehrere Jahr an Kindern vergangen. Nun sollte eine Kunstaktion an diese Thema erinnern – doch der Hauptausschuss hat abgelehnt. Und der neue Kirchengemeinderat der Evangelisch-lutherischen Kirche mit deutlichen Worten zugestimmt.

Der "Mahnende Mühlstein" der Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. Foto:©Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen

Der „Mahnende Mühlstein“ der Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen.
Foto:©Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen

Die Aktion heißt „Mahnender Mühlstein“, initiiert von der bundesweit agierenden „Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen“ mit Sitz in Siershahn. Der Verein setzt mehrere Projekte um, die Gewalt gegen Kinder, Kinderpornografie und anderes thematisieren, auch, um das Ziel der Prävention weiter zu erreichen.

Die Inschrift aus dem Matthäus-Evangelium auf dem „Mahnenden Mühlstein“

Der „Mahnende Mühlstein“ symbolisiert als untragbarer Stein die Schwere der Last des sexuellen Missbrauchs. Der Mühlstein trägt als Inschrift das Bibelzitat aus dem Matthäus-Evangelium, Kapitel 18, Vers 6: „Wer aber einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, dem wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde.“

Und an dieser Inschrift störten sich die Mitglieder des Hauptausschusses. Einmütig erklärten sie, dass das Ziel, den sexuellen Missbrauch anzuprangern und die Gesellschaft für die Thematik zu sensibilisieren, löblich sei, dass sie jedoch die Umsetzung mit diesem Bibelzitat nicht mittragen könnten.

Die Gegenargumente der Mitglieder im Hauptausschuss

Dabei spielten drei Punkte eine Rolle: Zum einen befürchteten die Ausschussmitglieder, dass das Zitat von den Betrachtern während der Aktion als Zustimmung für die Todesstrafe missdeutet werden könnte. Zum anderen fürchteten sie, dass die Thematik der Todesstrafe von rechten Extremisten missbraucht werden könnte. Und schließlich befürchteten sie, dass bei einer Ausstellung im April oder Mai dieses Jahres die Aktion im Rahmen des Landtagswahlkampfes zu einer politischen Debatte führen könnte. Der neue Landtag wird Ende Mai gewählt.

Im Ausschuss stimmten schließlich Jürgen Eckert und Bela Randschau, beide SPD, sowie Thomas Bellizzi (FDP) gegen die Ausstellung des Mühlsteins, alle anderen Ausschussmitglieder enthielten sich ihrer Stimme. Damit wurde der Antrag der Verwaltung abgelehnt.

Die Ablehnung erfolgte im Ausschuss, obwohl die Aktion die Unterstützung der Stadtverwaltung und der Evangelische-lutherischen Kirche hat. Der Kreis Stormarn äußerte sich zumindest nicht ablehnend. Bürgermeister Michael Sarach verlas vor Beschlussfassung beide Stellungnahme, die des Kreises und die des neuen Kirchengemeinderates.

Lesermeinung: „Richtige Entscheidung des Hauptausschusses

Kirchengemeinderat beschreibt „schmerzliche Erkenntnis“

Der Kirchengemeinderat mahnte zwar zum einen an, dass deutlich werden müsse, dass die Inschrift nicht als Befürwortung des Selbstmordes oder der Todesstrafe zu verstehen sei, zum anderen führt er an: „Der Kirchengemeinderat sieht eine wesentliche Aufgabe darin, diese Geschehnisse nicht nur offiziell anzuerkennen, sondern auch unmittelbar vor Ort in seinen Auswirkungen aufzuarbeiten und sich mit allen Beteiligten über das tiefgreifend Böse, das in dem erlittenen Missbrauch stattgefunden hat, auseinanderzusetzen.“

Der Kirchengemeinderat äußerte in dem Schreiben auch sein Bedauern über die „schmerzliche Erkenntnis“, dass das Bekanntwerden der Missbrauchsfälle nicht zu einem „verantwortungsvollem Handeln“ geführt habe. Die Kirche und die Ahrensburger Kirchengemeinde mussten im Rahmen der Aufklärung der Vorfälle erkennen, dass die Straftaten Verantwortlichen bekannt gewesen waren, diese aber zum Teil zu ihrer Vertuschung beigetragen haben.

Der Mühlstein: Zehn Jahre lang auf Tournee durch Deutschland

Die Aktion Mahnender Mühlstein reist seit 2008 bundesweit durch die Städte, bis 2018 soll die Reise gehen. In 30 Städten ist der Mühlstein bisher gezeigt worden, darunter Berlin, Dresden, München und im Norden Hannover. Derzeit ist der Stein auf der Nordseeinsel Föhr.

In einigen Städte, darunter Frankfurt und Heidelberg, wurde die Ausstellung aber wie in Ahrensburg abgelehnt. Auch in Kiel wurde die Ausstellung abgelehnt, allerdings erst nach einer vorherigen Zusage. Kurz vor dem Termin – der Mühlstein befand sich bereits auf dem Transportweg – wurde die Zusage mit Verweis auf die Inschrift zurück genommen. In Leipzig wurde die Aktion tatsächlich von rechten Kräften instrumentalisiert, in der Öffentlichkeit kommunizierte der Verein jedoch deutlich seine Distanz zu dieser politischen Ausrichtung.

„Mir tut es für die Opfer leid“, sagt Johannes Heibel, der Sozialpädagoge ist Vorsitzender des Vereins „Initiative gegen Gewalt“. Es wäre in ihrem Sinne gewesen, wenn gerade in Ahrensburg dieser Stein gezeigt worden wäre. „Wir wollen ja gerade provozieren mit der Aktion, Aufmerksamkeit erregen.“ Deswegen habe der Verein sich bewusst für die Inschrift entschieden.

Anselm Kohn, Sprecher der Initiative "Missbrauch in Ahrensburg" und Mit-Initiator der Ausstellung Mahnender Mühlstein in Ahrensburg.<br /> Foto:pm

Anselm Kohn, Sprecher der Initiative „Missbrauch in Ahrensburg“ und Mit-Initiator der Ausstellung Mahnender Mühlstein in Ahrensburg.
Foto:pm

Initiative Missbrauch in Ahrensburg enttäuscht über die Ablehnung

Heibel sei mit der Missbrauchs-Geschichte eng vertraut, erzählte der im Gespräch mit ahrensburg24.de, er habe die Entwicklung über die Jahre begleitet und stehe in persönlichem Kontakt zu Betroffenen in Ahrensburg. Die Idee, den Mühlstein nach Ahrensburg zu bringen, hat er gemeinsam mit Anselm Kohn erarbeitet, dem früheren Vorsitzenden des damaligen Vereins „Missbrauch in Ahrensburg“, der heute als Initiative „Missbrauch in Ahrensburg“ aktiv ist. Anselm Kohn war auf der Sitzung des Hauptausschusses als sachkundiger Bürger zur Debatte befragt worden. Er ist enttäuscht darüber, dass der Mühlstein nun nicht in Ahrensburg gezeigt wird: „Aus meiner Sicht haben die Abgeordneten kein Rückgrat gezeigt und filtern damit zu Ungunsten der guten Sache, womit sich die Bürger der Stadt auseinandersetzen sollten.“

Der Mahnende Mühlstein auf Privatgelände?

Eine Chance allerdings gibt es noch: Der Mahnende Mühlstein kann auch auf Privatgelände ausgestellt werden. Dazu müsste sich der Eigentümer eines Grundstückes bei der Initiative melden. Telefonisch ist die Initative unter der Rufnummer 02623 / 68 39 zu erreichen, per Mail unter info@initiative-gegen-gewalt.de. Auch die Kirchengemeinde Ahrensburg könnte – wenn sie es denn wollte – ihr Gelände zur Verfügung stellen.