Lesung im Marstall: Tausend Jahre Liebesgedichte

Ahrensburg (ve/pm). Wer ein Gedicht schreibt, der ist schnell beim Thema Liebe. Und das schon seit Jahrtausenden – zeigt jetzt eine Lesung im Marstall.

Der Marstall in Ahrensburg von der Schlossbrücke aus gesehen.

Der Marstall in Ahrensburg von der Schlossbrücke aus gesehen.

Die Lesung möchte nicht weniger, als die Geschichte der Liebeslyrik in den vergangenen 1.000 Jahren nachzeichnen. „1.000 Jahre Liebeslyrik“ heißt die Veranstaltung somit und wird als Lesung vorgetragen von Denis Strobel und Ilse Stark, Michaela Schulz singt Liebeslieder und wird dabei von Matthias Micklich am Klavier begleitet. Zu erleben ist es am Sonnabend, 22. April 2017, um 17 Uhr in der Remise vom Marstall Ahrensburg, Lübecker Straße 8. Der Eintritt kostet zehn Euro, Karten gibt es nur an der Tageskasse.

Liebeslyrik: Von der Minne über Syphilis zur Anstandsdame

Alles beginnt mit der Minne – dem Liebeswerben ohne Liebeserfüllung. Da sitzen Ritter oder Knappe zu Füßen der anbetungswürdigen Dame, schlagen die Laute und singen was die Kehle hergibt, aber so sehr sie sich auch bemühen, hinter den Bettvorhang kommen sie nicht.

Im 15. Jahrhundert wird alles anders. Die Dichter preisen den Körper der Frau und die freie Liebe, die Menschen setzen die Verse in die Praxis um. Ein Besuch bei den gelüstigen Frauen wird selbst bei Staatsbesuchen obligatorisch und wer mit wem den Zuber im öffentlichen Badehaus teilt, wird von den Zuschauern auf der Galerie interessiert registriert und kommentiert. Das ergibt: Vier Jahrhunderte voller Sinnlichkeit und Wollust trotz Syphilis und langer Kriegsjahre.

Ein Zeitsprung landet im 19. Jahrhundert. Napoleon und die Revolution sind überstanden, der Bürger schließt seine Haustür ab und setzt sich zur Ruhe. Ehre, Anstand und Sparsamkeit sind die Maxime des bürgerlichen Lebens. Die Dichter aber dichten fleißig weiter. Verse voll Poesie erwecken in den Damenkränzchen wehmütige Erinnerungen und in den heranwachsenden Töchter unbestimmte Sehnsüchte. Derweil haben die Herren den Stammtisch erfunden, wo eine Parallellyrik blüht, die die braven Bürger ins Schwitzen bringt.

Dann geht es Schlag auf Schlag. Das 20. Jahrhundert erscheint, der erste Weltkrieg geht ruhmlos zu Ende, die Armen hungern und die neue Haute volee tanzt. Lieder, Gedichte und Chansons – frech, frivol, anzüglich – machen die Runde.

Doch das Böse hat schon begonnen. Viele der namhaften Literaten verlassen rechtzeitig ihre deutsche Heimat. Andere verstummen, einige für immer. Was bleibt sind Gedichte, die nach Blut und Boden riechen, nach Krieg und Heilig Vaterland. Als Deutschland dann ein Trümmerhaufen ist, haben die Menschen ihren Glauben an Beständigkeit und Sicherheit verloren. Diese Angst spiegelt sich in den Gedichten nach 1945, jeder Beginn einer Liebesbeziehung trägt schon das Ende in sich.