Herr Momsen und Herr Brodowy: Jo, muss ja – war nett, nech?

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Ahrensburg (ve). Haben Sie schon einmal Herrn Momsen in die Augen geschaut? So richtig tief? Ich ja – gestern Abend im Marstall. Ich saß in Reihe 1 und er mir direkt gegenüber auf der Bühne. Gut, das war jetzt keine irgendwie intime Situation, mit uns saßen 200 Leute im Marstall. Aber ich könnte schwören, ich hätte in seinen Augen liebevollen Schalk gesehen. Und nordische Wärme. Das beides hat er gemeinsam mit Matthias Brodowy auf die Bühne des Marstall gebracht unter dem Titel „Och …“.

Herr Momsen und Matthias Brodowy - und Detlev Wutschik ist auch irgendwie dabei.

Herr Momsen und Matthias Brodowy – und Detlef Wutschik ist auch irgendwie dabei.

Wo und was ist der Norden und wie sind die Nordlichter in ihm Zuhause – das war die Frage. Auf nordisch hätte natürlich ein „Ooch“ als Antwort gereicht, aber so wie Momsen und Brodowy es ausführen, macht es auch sehr viel Spaß. Sie zelebrieren das Tee Trinken oder sie singen über „Snuten und poten“ von den Gebrüdern Wolf. Sie benennen es ganz klar: „Nordisch ist man, wenn man sich inwendig freut“ oder „… wenn der Humor trockener ist, als das Wetter“.

Störtebecker trägt den Kopf unterm Arm

Und dann kommt Störtebecker gespielt von Herrn Momsen. Der nimmt seinen Kopf dafür unter den Arm und singt zu – klar – der Filmmusik von „Fluch der Karibik“. In zerklüftetem Ledermantel. Herr Brodowy stellt erstmal die Existenz Störtebeckers in Frage und dann, dass es diese ganze Piraten-Romantik ja gar nicht gegeben hat. Das waren ja Verbrecher im Auftrage des Staates – ein früher Herr Schäuble sozusagen. So schieben sie sich die Bälle zu auf der Bühne und lassen ganz nebenbei Tiefe entstehen.

Matthias Brodowy weiß da so ein paar Geschichten von der Wirklichkeit der Piraten zu erzählen.

Matthias Brodowy weiß da so ein paar Geschichten von der Wirklichkeit der Piraten zu erzählen.

Denn nicht jeder weiß heute, woher die Angeln und die Sachsen kommen und was sie in Großbritannien gemacht haben. Ein Stück norddeutsche Geschichte wird augenzwinkernd verpackt. Dem Heute wenden sie sich auch zu, zum Beispiel, wenn sie die moderne Esskultur durch den nordischen Kakao ziehen und von Grünkohl mit Pinkel schwärmen. Oder die Prägnanz des Plattdeutschen betonen. Eine Bundestagsrede zum Thema Wirtschaftskrise auf platt zum Beispiel: „Ooch – nützt ja nix …“. Damit ist alles gesagt.

Das sind sie, die stillen Momente, in denen  - sorry - die Handpuppe ein ganz besonderes Eigenleben bekommt.

Das sind sie, die stillen Momente, in denen (sorry, Herr Momsen) die Handpuppe ein ganz besonderes Eigenleben bekommt.

Die stillen Momente des Herrn Momsen

Für Matthias Brodowy ist es dabei keine leichte Aufgabe, neben Herrn Momsen auf der Bühne zu bestehen. Was Detlef Wutschik da mit Herrn Momsen macht – oder ist es anders herum? – ist schon gediegen, würde der Norddeutsche sagen. Er tanzt und singt, er treibt das Tempo an, er lässt das Publikum nicht los. Und dann sind da noch die kleinen Momente. Wenn Herr Momsen einfach nur auf dem Poller sitzt und Herrn Brodowy zuhört, der gerade am Klavier singt. Dafür zieht Herr Wutschik seinen Kopf ganz hinter den von Herrn Momsen, macht sich klein und Herrn Momsen groß. Der leise nickt, mal zum Publikum schaut, mal zu Herrn Brodowy, sich am Kopf kratzt oder mit der Hand den Takt der Musik nachfühlt. Was geht in diesen Momenten eigentlich im Kopf von Herrn Wutschik vor? fragt man sich.

Und ernst werden können die beiden auch – also jetzt Herr Momsen und Herr Brodowy. Als sie in einen Streit geraten und Matthias Brodowy Herrn Momsen eine „handgeführte Klappmaulpuppe“ nennt. Denn Herr Momsen ist ja nun sicherlich einiges, aber bestimmt keine handgeführte Klappmaulpuppe. Der Gute verschwindet tief getroffen hinter der Bühne und schickt Herrn Wutschik nach vorne. „Er weint hinter der Bühne“, sagt der in Richtung Brodowy, und „nein, ich kann Herrn Momsen nichts sagen, er ist ja schließlich mein Vorgesetzter.“

Natürlich vertragen sie sich wieder. Schließlich haben Detlef Wutschik und Matthias Brodowy ja das Stück gemeinsam geschrieben. Einstudiert haben sie es übrigens unter der Regie von Rolf Claussen, der sonst bei „Hidden Shakespeare“ dabei ist. Alle drei – pardon – vier haben ganze Arbeit geleistet und einen Abend gestaltet, zu dem man nur sagen kann „Jo – muss ja, war nett.“ Und dann haben sie applaudiert, die Norddeutschen im Saal, reichlich.

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