Jan Wagner im Marstall: Warum ein Gedicht zu Pudding wird

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Ahrensburg (ve). Ahrensburger kehrt in seine Heimat zurück – und wird als Pudding bezeichnet! „Essen Sie mehr Pudding!“, hieß es dazu im Rahmen einer Kundgebung von einem Rädelsführer. Hunderte von Menschen waren bei dieser Kundgebung über Stunden ohne Essen und Trinken an Stühle gefesselt und mussten die ganze Zeit in einer Richtung starren. Immer wieder wurden ihnen Wörter einverleibt. Freikaufen konnten sie sich nur durch Zusammenklatschen der Hände. Erst, als sie dies in ausreichendem Maß getan hatten, durften sie die Veranstaltung verlassen – angefüllt mit hunderten von Worten. Ein Skandal – aufgedeckt von ahrensburg24.de!

Jan Wagner liest aus seinem Buch "Regentonnenvariationen" im Marstall.

Jan Wagner liest aus seinem Buch „Regentonnenvariationen“ im Marstall.

Poet und Journalist haben eines gemeinsam: die Sprache und im besten Fall die Liebe zur Sprache. Was dem Dichter seine Strophe ist, ist dem Journalisten sein Absatz – manchen unter ihnen mehr der skandalträchtige Absatz. Wie also soll ein Journalist über einen Dichter schreiben? Am besten in Absätzen.

Jan Wagner ist dieser Heimkehrer, der Stormarnschüler ist inzwischen in der weiten Welt als Dichter bekannt und frisch gebackener Träger des Preises der Leipziger Buchmesse. Neu auf Bühnen und in Lesungen ist er sicher nicht, doch gestern im Marstall war alles anders: „Ich bin schon nervös“, gestand er seinem Publikum zu Beginn des Abends, „es sind so viele bekannte Gesichter im Saal.“

Es waren nicht nur Gesichter, die Jan Wagner kennt, sondern auch welche, die Jan Wagner kennen – aus dem Unterricht. Schülerinnen und Schüler der Stormarnschule, sein früherer Lehrer und auch Schülerinnen und Schüler des Eckhorst Gymnasiums aus Bargteheide bewirkten, dass – es sei an dieser Stelle erlaubt – ungewöhnlich viele junge Leute im Marstall saßen.

Jan Wagner liest aus seinem Buch "Regentonnenvariationen" im Marstall: Schülerinnen und Schüler des Eckhorst-Gymnasiums aus Bargteheide hörten gerne zu.

Jan Wagner liest aus seinem Buch „Regentonnenvariationen“ im Marstall: Schülerinnen und Schüler des Eckhorst-Gymnasiums aus Bargteheide hörten gerne zu.

Ihnen las Jan Wagner vor, denn, so wurde im Zwiegespräch zwischen ihm und Armin Diedrichsen vom Marstall zitiert: „Mit Gedichten ist es wie mit Pudding – der Pudding beweist sich im Essen.“ Also in diesem Falle im Hören. Dass wiederum können die Schüler bestätigen: „Ich habe gemerkt: Ein Gedicht ist einfach anders, wenn man es hört“, erzählt ein Eckhorst-Schüler im Gespräch mit ahrensburg24.de. Ein Freund nickt: „Ja, durch die andere Betonung ergibt sich ein neuer Sinn. Und auch die Pointe wird viel deutlicher.“ Und die Schüler setzen nach: „Ich würde mir das als Hörbuch kaufen, es macht bestimmt Spaß, sich das immer wieder anzuhören.“

Die Stormarnschüler blickten aus einer anderen Richtung: „Wir haben im Unterricht zum Beispiel anhand des Gedichtes „Giersch“ erarbeitet, welche Inhalte sich aus solch‘ einem Gedicht herauslesen lassen können.“ So könne zum Beispiel das Gedicht politisch gedeutet werden. „Jetzt am Abend, wenn die Gedichte vorgelesen werden, ist es unglaublich schwer, all‘ diesen Bedeutungen und Inhalten zu folgen – man muss sich sehr konzentrieren“, sagen sie.

Jan Wagner liest aus seinem Buch "Regentonnenvariationen" im Marstall: Schülerinnen der Ahrensburger Stormarnschule waren dabei.

Jan Wagner liest aus seinem Buch „Regentonnenvariationen“ im Marstall: Schülerinnen der Ahrensburger Stormarnschule waren dabei.

Ob ihnen alle Verknüpfungen in den Kopf kamen – wer weiß. Denn es sind recht viele bei Jan Wagner. Getarnt mit Alltagsgegenständen kommen die Gedichte über Giersch, über eine Mücke, über Teebeutel daher und wollen gedeutet werden. Das ist es, was Wagner an der Dichtkunst fasziniert – eben das Verdichten von Sinn: „Erst, wenn Du etwas liest und dir dann der Kopf raucht und die Schädeldecke abhebt, weißt Du: Es ist Poesie!“

So berichtete ahrensburg24.de

Für Jan Wagner ist ein Gedicht auch nicht das Ergebnis puren Überschwangs zum Beispiel im Rausch junger Liebe oder in therapeutischer Funktion – Wagner: „Das ist ok, aber da kommen nicht immer gute Gedichte bei raus.“ Es ist vielmehr harte Arbeit. Formale Vorgaben und Regeln wollen beachtet sein – und am Ende muss immer noch etwas stehen, was den Sinn unter die Schädeldecke schießen lässt. Das ist seine Kunst: Das Knüpfen von sprachlichen Verbindungen, Sprachmelodien und Rhythmen zu einem Netz, dass einen Sinn umfängt. Harte Arbeit eben.

Und der Humor darf nicht fehlen. Wie viel er davon hat, wurde bei der Lesung aus seinem Buch „Die Eulenhasser in den Hallenhäusern“ deutlich. Ein Bauer als Dichter und seine Muse zwischen Versen und Fersen ist schon mal eine gute Introduktion. Wenn dann ein Buch in sich selber entsteht, weil es von seinen eigenen Fußnoten lebt, wird es zu einer lebendigen Durchführung – um Begriffe der Musiktheorie zu klauen. Wer wissen will, was in der Reprise steht, sollte das Buch lesen. Denn wie forderte Armin Diedrichsen – ja, er war in diesem Fall unser Rädelsführer – am Ende des Abends auf: „Essen Sie mehr Pudding!“ Und wer jetzt von uns erwartet, dass wir an diesen Satz die Deutung „Das heißt: Lesen Sie mehr Gedichte!“ anschliessen, der hat gestern Abend nicht aufgepasst.

 

Jan Wagner liest aus seinem Buch "Regentonnenvariationen" im Marstall.

Jan Wagner liest aus seinem Buch „Regentonnenvariationen“ im Marstall.

Jan Wagner liest aus seinem Buch "Regentonnenvariationen" im Marstall: Der Autor im Gespräch mit Armin Diedrichsen vom Marstall (links).

Jan Wagner liest aus seinem Buch „Regentonnenvariationen“ im Marstall: Der Autor im Gespräch mit Armin Diedrichsen vom Marstall (links).

Jan Wagner liest aus seinem Buch "Regentonnenvariationen" im Marstall: Der Autor im Gespräch mit Armin Diedrichsen vom Marstall (links).

Jan Wagner liest aus seinem Buch „Regentonnenvariationen“ im Marstall: Der Autor im Gespräch mit Armin Diedrichsen vom Marstall (links).

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