Lesermeinung: Ist das noch meine Kirche?

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Lesermeinung zu dem Beitrag „St. Johannes: Kauft die Stadt das Gelände? Gibt es dort Unterkünfte für Flüchtlinge?“ von Manfred Kloevekorn, Ahrensburg

Meine Kirche?

Eine Reihe gravierender Ereignisse in der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Ahrensburg treiben mich in zunehmende Zweifel, ob ich noch Mitglied meiner Kirche bleibe:
Pädophile Missbrauchsaffäre, verschlepptes Disziplinarverfahren, Schließung von Gemeindezentrum und Kirche an St. Johannes, Ungedeihlichkeitsverfahren, Tätigkeit des eingesetzten BAG (Beauftragtengremium).

Missbrauchsaffäre

Im Jahre 2010 machte eine Gruppe Betroffener in einer mutigen Aktion Kirche und Gesellschaft auf ihre Not aufmerksam, verursacht durch pädophile Übergriffe eines der Ahrensburger Pastoren. Die Folge war, nicht überraschend, ein Aufruhr in der Gemeinde und der Nordelbischen Kirche. Besonders widerwärtig war das Gebaren einiger der amtierenden Pastoren-Kollegen, die, ihr völliges Unwissen betonend, sich geradezu hysterisch mit den Opfern identifizierten und in einen Verdächtigungs-, Vorverurteilungs- und Verfolgungswahn verfielen, der dem Mittelalter alle Ehre gemacht hätte. Ein selbsternannter Krisenstab unterstellte der Gemeinde schließlich sogar ein regelrechtes, über Jahrzehnte funktionierendes komplexes Missbrauchssystem mit mindestens hundert Opfern (siehe Zwischenbericht der Krisen-AG des Kirchengemeinderates der Ev.-Luth. Kirchengemeinde, Ahrensburg, September 2012).
Die Kirchenleitung erwies sich über lange Zeit mit der Situation überfordert. Unter Mithilfe externer Experten hat sich offensichtlich eine Handhabung finden lassen, die zu einer Beruhigung führte und die Selbstauflösung des Ahrensburger Vereins gegen Missbrauch zur Folge hatte. Das zerstörte Vertrauen begleitet uns weiter.

Unerträglich verschlepptes Disziplinarverfahren

Im Zuge der Missbrauchsaffäre erinnerten sich zwei Damen daran, dass sie ca. 30 Jahre zuvor in eine Beziehung mit einem der Ahrensburger Pastoren verwickelt waren und brachten dies zur Anzeige. Eine passende Ergänzung zu der laufenden Affäre. Dem Pastor, obwohl schon im Ruhestand, wurden alle Amtshandlungen untersagt. Sein Fall kam vor das Disziplinar-gericht der Nordelbischen Kirche, das das Verfahren nach sorgfältiger Prüfung im November 2012 einstellte. Das Landeskirchenamt erhob dagegen Einspruch und lehnte zugleich die Richter der Disziplinarkammer wegen Besorgnis der Befangenheit ab. Im weiteren Verfolg legten daraufhin die in ihrer Berufsehre verletzten und von ihrem Engagement für die Kirche enttäuschten abgelehnten Richter ihre Ämter nieder – ein einmaliger Vorgang. Das Verfahren läuft jetzt im sechsten Jahr. Ein Abschluss ist nicht in Sicht. Alle Anträge, bis dahin die Suspendierung aufzuheben oder mindestens die Durchführung von Beerdigungen von Menschen zu gestatten, die den Pastor während der Sterbebegleitung dringlich darum gebeten hatten oder deren Hinterbliebene dies taten, wurden abgelehnt. Vergebung ist in dieser Kirche nicht vorgesehen? Die physischen und psychischen Folgen eines dermaßen verschleppten Verfahrens für den Betroffenen und seine Familie interessieren die Kirche nicht? Wie vereinbart sie das mit der Botschaft jenes Mannes aus Nazareth, dessen Vermächtnis zu bewahren sie vorgibt, und von dem Lukas berichtet, er habe am Kreuz im Angesicht seiner Verfolger gesagt: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“?

Schließung von Gemeindezentrum und Kirche an St. Johannes in Ahrensburg

In geheimen Sitzungen beschlossen Propst und Kirchengemeinderat Schließung und Verkauf des Gemeindezentrums und Schließung der Kirche an St. Johannes. Waren sie wirklich töricht genug zu glauben, dass eine intakte Gemeinde so etwas hinnehmen würde? Warum hat sich der Propst nicht offen und ehrlich vor die Gemeinde gestellt und von den finanziellen Sorgen der Kirche gesprochen? Die St. Johannesgemeinde hat bewiesen, dass ihr die Erhaltung der Kirche erhebliche finanzielle Aufwendungen und sonstige Dienstleistungen wert sind.
Anstelle von Gemeinsamkeit erleben wir eine autoritäre Kirche, die keine Probleme damit hat, zur Erhaltung ihrer Pfründen aktive Gemeinden über die Klinge springen zu lassen. Fragen wir also: Warum leisten wir uns eigentlich den Beamtenstatus unserer Pastoren? Sie üben keine hoheitlichen Funktionen aus. Der überwiegende Teil der Bevölkerung lebt in kündbaren Arbeits- oder Angestelltenverhältnissen. Warum nicht auch sie? Wozu halten wir noch Pastorate vor? Wozu kirchlichen Grundbesitz? Die Kirche muss ihre überholten und aufgeblähten Strukturen der Zeit anpassen. Canossa war einmal. In der heutigen Gesellschaft ist die Kirche in der Position eines Dienstleisters, der die Menschen in ihrem Leben begleitet im Guten und im Bösen – oder auch gar nicht. Aber ihre Gotteshäuser als Wahrzeichen und Mittelpunkt ihres Wirkens sollte sie zu allerletzt schließen!

Ungedeihlichkeitsverfahren

Im weiteren Verfolg der vergifteten Atmosphäre in der Ahrensburger Gesamtgemeinde kam es zum Vorwurf der Ungedeihlichkeit gegen einen unserer Pastoren, der daraufhin vom Dienst suspendiert wurde. Ungedeihlichkeit: ein monströses Wort und eine Infamie. Meines Wissens bestand die Ungedeihlichkeit darin, dass der Pastor sich Meinungen erlaubte und auch äußerte, die nicht im Mainstream der Vorstellungen seiner Kollegen und des Kirchengemeinderats lagen. Es ist bekannt, dass „man“ nicht mehr mit ihm redete. Man stelle sich vor: Seelsorger reden nicht mit Menschen, die eine eigene Meinung haben. Das Verfahren ist eingestellt, aber das Gift wirkt nach.

Beauftragtengremium

Nachdem sich der Kirchengemeinderat als Folge der Auseinandersetzungen um die St. Johanneskirche aufgelöst hatte, setzte der Propst ein Beauftragtengremium (BAG) ein, das bis zur nächsten Kirchengemeinderatswahl die Geschäfte der Gesamtgemeinde führt. Der Propst war so frei, kein Mitglied der St. Johannesgemeinde in dieses Gremium aufzunehmen, sondern (Originalton) „Leute seines Vertrauens“. Dabei ist es geblieben.
Der Förderverein St. Johannes e.V. hat 2014 mit dem damaligen Kirchengemeinderat, heute vertreten durch den BAG, einen 5-Jahres-Vertrag über die Nutzung der St. Johanneskirche abgeschlossen, dessen Durchführung von viel Misstrauen und Kleinlichkeit seitens der Kirche zeugt. Herrisch-autoritäre Züge prägen die Haltung des BAG. Unmissverständlich wird wiederholt, dass die Schließung der Kirche keineswegs vom Tisch sei. Nicht vom BAG, sondern über die Presse erfahren Gemeinde und Förderverein jüngst von entsprechenden Verhandlungen mit der Stadt Ahrensburg. Es ist einfach erschreckend, dass anstelle eines engagierten Zusammenwirkens in Würdigung der großen Bemühungen unserer Gemeinde um den Erhalt von Kirche und Gemeindearbeit an St. Johannes, die Kirche rücksichtslos ihre eigenen, fragwürdigen Ziele verfolgt. Der Vorsitzenden des BAG, die aus den Neuen Ländern mit den dortigen Erfahrungen zu uns gekommen ist, rufe ich zu, und sie wird wohl wissen, was ich meine:

Wir sind das Volk!

Meine Kirche?
Ich habe versucht, die Gründe für mein Missbehagen an der Kirche möglichst schonend darzulegen. Niemand ist gezwungen, Mitglied dieser Kirche zu sein. Viele Menschen sind ausgetreten. Nicht weil es ihnen zu gut geht, sondern weil die Kirche nicht überzeugt. Meine gute Mutter, Spross einer Reihe von Pastorenahnen, hat es einst so formuliert: „Die Sache mit Gott ist schon in Ordnung, aber sein Bodenpersonal taugt nichts.“ Etwas pauschal, aber im Kern bedenkenswert. Meine Entscheidung wird von der weiteren Entwicklung abhängen.

Manfred Kloevekorn, Ammersbek, 26.08.2015

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