Marstall Quadriga: Wunderbare Zungenbrecher und gelebte Anarchie

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Ahrensburg (ve). Das war große Kleinkunst gestern Abend im Marstall. Fünf Kabarettisten gaben sich bei der Marstall Quadriga das Mikro in die Hand und lästerten über die Welt. Ihr Publikum: Selten gut gelaunt an diesem Abend, locker und fröhlich. Nur ein Haken hatte die Sache: „Wir hätten gerne mehr Gäste im Saal gehabt“, so Gastgeber Horst Schroth angesichts der etwa 100 verkauften Karten.

'Marstall Quadriga' mit Horst Schroth, Johannes Kirchberg, Sebastian Schnoy, Stefan Danzinger und Axel Pätz (von links).

‚Marstall Quadriga‘ mit Horst Schroth, Johannes Kirchberg, Sebastian Schnoy, Stefan Danzinger und Axel Pätz (von links).

Die Marstall Quadriga in der Kabarett-Reihe „Marstall ungezügelt“ ist eine Idee des Wahl-Ahrensburgers Schroth, immer vier Kabarettisten plus Moderator Schroth gestalten den Abend. ‚Quadriga‘ heißt diese Reihe in Anlehnung an den Namen ‚Marstall‘ und die Tatsache, dass irgendwann einmal Pferde dort ein und aus gingen. Waren es jüngst bei der Quadriga vier Damen, so waren jetzt vier Herren auf der Bühne. Einer mit einer besonderen Affinität zur Quadriga – der Berliner Stefan Danzinger.

„Wir haben auch eine Quadriga in Berlin, oben, uff’m Brandenburger Tor“, lässt er die Ahrensburger wissen. „Da gab es nur ein Problem – eigentlich sollten die Dame da oben nackt sein. Aber dann wäre das erste, was man von Berlin gesehen hätte, ein nackter Hintern gewesen. Also hat man sich für einen Mantel entschieden.“ Danziger wusste dies und viele andere Dinge von Berlin, weil er auch als Stadtführer in der Hauptstadt arbeitet. „Ist das Ihr Hauptberuf?“, wird er gerne gefragt. „Ne“, pflegt er dann zu sagen, „ich bin sonst Neurochirurg.“

'Marstall Quadriga' der Reihe 'Marstall ungezügelt' in Ahrensburg: Berliner Schnauze, wie sei im Buche steht: Stefan Danzinger.

‚Marstall Quadriga‘ der Reihe ‚Marstall ungezügelt‘ in Ahrensburg: Berliner Schnauze, wie sei im Buche steht: Stefan Danzinger.

Bei diesen Stadtführungen erlebt Danzinger – sagen wir mal – die Schlichtheit mancher Leute. Die Schlichtheit, die sie fragen lässt, warum die Ostberliner damals nicht einfach um die Mauer rumgegangen seien. Oder die Schlichtheit, die sie vor einer autoleeren Straße stundenlang vor einer roten Ampel stehen lässt. Danzinger: „Sie hätten gar keine Mauer bauen müssen, damals – eine rote Ampel hätte gereicht! Dann hätte der amerikanische Präsident Ronald Reagan nicht rufen müssen: Mr. Gorbatschow, tear down this wall! – Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein!, sondern einfach: Turn this light green! – Schalten Sie diese Ampel auf Grün!“

Ähnlich schlicht erlebt Sebastian Schnoy seine Mitmenschen, und das mit Blick auf die Historie. „Johannes Guttenberg hat damals den Buchdruck erfunden, vorher musste jedes Buch mühsam abgeschrieben werden. Karl-Theodor zu Guttenberg hat dann 500 Jahre später das Kopieren wieder eingeführt.“ In diesem Tenor sauste Schnoy durch die angelsächsisch-niedersächsische Geschichte und die Durchdringung des britischen Königshauses mit Germanen, gespickt mit historischen Tatsachen. Denn Schnoy ist nicht nur Kabarettist, sondern auch Historiker – und sieht dabei aus wie ein Banker.

'Marstall Quadriga' der Reihe 'Marstall ungezügelt' in Ahrensburg: Geschichte kann auch lustig sein - mit Sebastian Schnoy.

‚Marstall Quadriga‘ der Reihe ‚Marstall ungezügelt‘ in Ahrensburg: Geschichte kann auch lustig sein – mit Sebastian Schnoy.

Und auch Schnoy rief sein Publikum zu ein bisschen gelebter Anarchie auf: „Tun Sie doch einmal am Tag etwas Verbotenes! Werfen Sie zu Beispiel nach 19 Uhr ein weißes Glas in den Buntglascontainer. Oder springen Sie im Schwimmbad vom Beckenrand – am besten in eine Seniorengruppe. Das macht am meisten Spaß!“

Etwas mehr verantwortungsbewusste Pädagogik brachte da Axel Pätz mit und unterrichtete sein Publikum im Singen. „Noten-Triegelung“ nennt er sein Verfahren, das kennen viele als „Not-Entriegelung“ in der Bahn. Dann nahm er das Lied ‚Hänschen klein‘ auseinander und wies seine Gäste an, die Töne und Silben getrennt zu sortieren und immer gleiche Töne nacheinander zu singen – das erspare es einem, sich die Melodie merken zu müssen. Gesagt – getan, und schon schwang sich Pätz durch ein völlig neu und nie gehörtes ‚Hänschen klein‘.

'Marstall Quadriga' der Reihe 'Marstall ungezügelt' in Ahrensburg: Kein Zungenbrecher ist ihm zu schwer: Axel Pätz.

‚Marstall Quadriga‘ der Reihe ‚Marstall ungezügelt‘ in Ahrensburg: Kein Zungenbrecher ist ihm zu schwer: Axel Pätz.

Genau dies macht seine Kunst aus: Eine unglaubliche Sprachgewandheit mit wunderbaren Texten zu Aufsitzrasenmähern und pubertierenden Töchtern – absolut hörenswert und in Schriftsprache nicht annähernd wiederzugeben. Denn Pätz windet sich wunderbar gekonnt singend durch seine selbst fabrizierten Zungenbrecher, das es eine Freude ist. Sprachlust und Musiklust vom Feinsten!

In diese Scharte schlägt auch Johannes Kirchberg. Auch er macht aus Worten tiefsinnige Zungenbrecher der Marke „Wenn Regengegner gegen den Regen reden“. Und dann lästert er über Inhaltsangaben auf Verkaufspackungen – oder vielmehr Nicht-Inhaltsangaben. „Ohne Gentechnik – ohne Konservierungsstoffe – ohne Glutamat“ stehe auf den Verpackungen. Und Kirchberg fragt: „Und was ist mit Alkohol? Wenn auf der Kekspackung nicht drauf steht „Ohne Alkohol“ – ist dann Alkohol in meinen Keksen? Oder Atomstrom? Oder Gentechnik? Wie kann ich das wissen?“

Kirchberg galoppiert wortgewandt und leichtfertig durch menschliche Schwächen, die zu Stilblüten wie „Schnuppertag im Altersheim“ führen. Ein Spiegel, in den Gäste des Kabaretts gerne schauen. So wie gestern Abend im Marstall vor begeistertem Publikum.  „Erzählen Sie es weiter, bringen Sie Freunde mit“, bat Horst Schroth das Publikum im Saal. Gute Idee – schon gibt es die nächste Gelegenheit dazu: Am 23. November 2015 ist Andreas Rebers bei „Marstall ungezügelt“ zu Gast. Freunde der bissigen, satirischen Wahrheit und alle anderen sollten sich diesen Termin vormerken! ACHTUNG: Wegen Terminüberschreitung ist diese Veranstaltung im Alfred-Rust-Saal.

'Marstall Quadriga' der Reihe 'Marstall ungezügelt' in Ahrensburg: Johannes Kirchberg lästert über Keksverpackungen und Regengegner.

‚Marstall Quadriga‘ der Reihe ‚Marstall ungezügelt‘ in Ahrensburg: Johannes Kirchberg lästert über Keksverpackungen und Regengegner.

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