Einwohnerversammlung zum Thema Flüchtlinge: Was sind die Hürden im Alltag?

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Ahrensburg (ve). „Ich helfe gerne!!!!!“ – so hat Andreas Rebers es am Montag in den Alfred-Rust-Saal zum Thema Flüchtlinge gebrüllt. Natürlich ironisch und mit fünf Ausrufezeichen. „Ich helfe gerne“ haben gestern viele Einwohner von Ahrensburg bei der Einwohnerversammlung gerufen. Mit ganz anderem Unterton. Welche Probleme sie dabei haben, haben sie gleich hinzugefügt.

Einwohnerversammlung in Ahrensburg zum Thema Flüchtlinge: Auf dem Podium Brigitte Sharp und Thomas Reich von der Stadtverwaltung, Bürgermeister Michael Sarach, Bürgervorsteher und Versammlungsleiter Roland Wilde, Dr. Edith Ulferts vom Kreis Stormarn sowie Axel Fricke vom Freundeskreis für Flüchtlinge (von links).

Einwohnerversammlung in Ahrensburg zum Thema Flüchtlinge: Auf dem Podium Brigitte Sharp und Thomas Reich von der Stadtverwaltung, Bürgermeister Michael Sarach, Bürgervorsteher und Versammlungsleiter Roland Wilde, Dr. Edith Ulferts vom Kreis Stormarn sowie Axel Fricke vom Freundeskreis für Flüchtlinge (von links).

Bürgervorsteher Roland Wilde hatte zu der Versammlung eingeladen mit nur einem Tagesordnungspunkt: Die Situation der Flüchtlinge in Ahrensburg. 167 Interessierte waren gekommen, um darüber mehr zu erfahren. Stadtverordnete und viele der Engagierten im Freundeskreis für Flüchtlinge oder beim Deutschunterricht. Oder Nachbarn, die auf eine neue Unterkunft blicken.

Flüchtlingsunterkunft im Reeshoop, im Kamp und in der Fritz-Reuter-Schule

„Haben Sie schon an die Kühlschränke, an Waschmaschinen und Vorhänge oder an eine freies WLAN für die Menschen gedacht“, so ein Nachbar der Fritz-Reuter-Schule, „die jetzt in die Turnhalle der Schule einziehen werden? Ich bin öfter dort vor Ort und finde es gut, was dort entsteht.“ Eine Frau aus dem Ahrensburger Kamp fragte: „Wann wird der Bau der Flüchtlingsunterkunft im Kamp fertig? Wir warten schon!“ Peter Egan, Abgeordneter der WAB in der Stadtverordnetenversammlung, fragte, ob es möglich sei, den Menschen im Winter kostenfreie Bustickets zur Verfügung zu stellen. Eine Patin, die vier Menschen aus Somalia betreut, verwies auf den schlechten Zustand der alten Unterkünfte am Reeshoop. „Direkt nebenan werden jetzt die neuen gebaut, aber diese alten Häuser sind wirklich marode.“ Anke Ackermann vom Freundeskreis für Flüchtlinge verwies auf die geringe Stundenzahl der Migrations- und Sozialberatung in Ahrensburg: „Ist es angedacht, die Wochenstunden dieser Beratungsstelle zu erhöhen?“

Alles Fragen, die deutlich machen: Die Stufe 2 der Flüchtlingshilfe ist in Ahrensburg längst gestartet. Der Alltag nach der Sicherung der Unterkunft und den ersten Deutschkursen erfasst die Menschen. Die Verwaltung, mit dabei auch Dr. Edith Ulferts vom Kreis Stormarn sowie Axel Fricke vom Freundeskreis für Flüchtlinge, informierte ausführlich.

Neue Politik bei der Errichtung der Flüchtlingsunterkünfte

„Ja, wir haben eine umfassende Einrichtung der Gemeinschaftsunterkunft an der Fritz-Reuter-Schule im Blick, es geht Schritt für Schritt“, so Bürgermeister Michael Sarach. Ein freies WLAN werde es aber dort nicht geben, „dafür müssen wir rechtlich gerade stehen, dass können wir nicht gewährleisten.“ Bei der Frage der Bustickets blieb er vorsichtig: „Es gibt da die Frage der Verhältnismäßigkeit. Wir muten unseren Kindern einen Fußweg zur Schule von vier Kilometern zu. Wir müssen bei allem auch das Maß im Auge haben.“ Die Unterkunft am Reeshoop wiederum stehe auf der To-do-Liste: „Wir wissen um den Zustand, müssen aber für die Dauer der Renovierungsarbeiten auch Unterkünfte haben, auf die die Menschen ausweichen können“, so Brigitte Sharp, in der Stadtverwaltung für die Zuteilung der Unterkünfte zuständig. Und gleich rief eine Frau aus dem Publikum: „Ich hätte ein Gästezimmer. Gibt es nicht einen Pool für solche Angebote, damit man kurzfristig reagieren kann?“

Einwohnerversammlung in Ahrensburg zum Thema Flüchtlinge: Das Publikum im Saal.

Einwohnerversammlung in Ahrensburg zum Thema Flüchtlinge: Das Publikum im Saal.

In vielen Äußerungen der Zuschauer wurde die große Welle der Hilfsbereitschaft deutlich, mit der sie sich unermüdlich um die Menschen kümmern. Über 300 Flüchtlinge werden derzeit von 160 Paten vom Freundeskreis für Flüchtlinge betreut. Alleine im November 2015 seien 53 Flüchtlinge neu nach Ahrensburg gekommen, mehr, als in den ersten vier Monaten dieses Jahres, berichtet Axel Fricke.

Und es werde nicht weniger, so Michael Sarach: „Wir werden dazu übergehen, Container-Wohnheime zu errichten für eine mittelfristige Unterbringung“, sagte er. Damit gelte nicht mehr der Grundsatz, dezentrale Unterbringung zu organisieren zum Beispiel über langfristige nutzbare Gebäude wie im Kamp oder Reeshoop. Standorte für die Container-Wohnungen werden am Helgolandring und im Kornkamp sein. Für 2016 rechnet die Verwaltung mit 200 weiteren Flüchtlingen, die nach Ahrensburg kommen werden.

Kommentar: Die Stimmen aller?

Roland Wilde: „Ich bin stolz darauf, wie Ahrensburg die Flüchtlinge integriert“

Nur eine kritische Stimme gab es gestern Abend, ein Anwohner fragte zweimal danach, ob die Kommune oder Politik sich für eine Begrenzung der Flüchtlingszahlen einsetzen wolle. Der Anwohner sprach von einer „gewaltigen Veränderung der Gesellschaft bei 1,5 Millionen Flüchtlingen in 2015 und gleichzeitig 700.000 Geburten“ und würde eine Änderung des Asylrechtes akzeptieren. Die Begrenzung der Zahl sei der beste Weg zur Integration. Gegen seine Äußerung regte sich Unmut, Buh-Rufe im Saal begleiteten die letzten Worte seiner Äußerung.

„Wir sind in der Verantwortung, den zu helfen, die hierher kommen“, reagierte Michael Sarach auf den Anwohner. „Uns steht es nicht zu, über ihre Gründe zu urteilen. Sie verlassen ihre Heimat nicht aus Jux und Dollerei, sondern aus Not. Wer soll derjenige sein, der darüber entscheidet, wer abgewiesen wird?“ Für diese Worte des Bürgermeisters gab es Applaus im Saal.

„Ich bin stolz“, sagte am Ende des Abends Bürgervorsteher Roland Wilde, „stolz, wie wir in Ahrensburg das machen. Sind wir denn nicht in der Lage, in Europa ein paar Flüchtlinge unterzubringen? Wir in Ahrensburg sind da besser.“

Wer möchte helfen? Kontaktdaten Freundeskreis für Flüchtlinge

Der Freundeskreis für Flüchtlinge ist immer auf der Suche nach Ehrenamtlichen und neuen Mitstreitern.

Die Internetseite des Freundeskreises ist zu erreichen unter www.freundeskreis-fluechtlinge.de, per Mail ist der Freundeskreis zu erreichen unter kontakt@freundeskreis-fluechtlinge.de oder unter paten@fkfa.de oder unter

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