Kindertagesstätte Erlenhof: Ausgelastet, Gruppe geschlossen – Die Realität der Kinderbetreuung

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Ahrensburg (ve). Eltern und Kinder vor verschlossener Tür in der Kindertagesstätte – die Betreuung konnte nicht erfolgen. So geschehen Ende Januar in der Kindertagesstätte Erlenhof. Die Eltern der Kindertagesstätte im Erlenhof schlagen jetzt Alarm – gemeinsam mit der Leitung der Einrichtung.

Betreuung in der Kindertagesstätte Erlenhof: Ein Mädchen malt ein Bild an eine Tafel. Bereits jetzt ist die Kindertagesstätte mehr als ausgelastet.

Betreuung in der Kindertagesstätte Erlenhof: Ein Mädchen malt ein Bild an eine Tafel. Bereits jetzt ist die Kindertagesstätte mehr als ausgelastet.

Es kneift an allen Ecken. Die Kindertagesstätte im Erlenhof ist voll belegt, eigentlich ist sie auf 110 Kinder ausgelegt. Doch es wurde schon eine neue Gruppe eingerichtet – und dafür der Bewegungsraum geopfert -, so dass derzeit knapp 110 Kinder dort betreut werden. Möglich wäre es – durch Auslastung bis auf den letzten Platz und andere Maßnahmen – bis zu 130 Kinder dort zu betreuen.

Kindertagesstätte Erlenhof: Eltern müssen auch mal mithelfen

Doch ob das noch eine Betreuung ist, die Eltern und Erzieher sich wünschen, bleibt fraglich. Ende Januar musste das erste Mal eine Gruppe schließen, die Eltern mussten mit ihren Kindern wieder nach Hause. Bereits vorher war es öfter vorgekommen, dass die Leitung der Kindertagesstätte die Eltern kurzfristig um Hilfe gebeten hatten, um die Betreuung der Kinder aufrecht erhalten zu können.

Das Problem: „Die Berechnungen der Arbeitszeit sind zu eng und veraltet“, sagen Christin Schwarz und Antje Hundertmark, die Leiterinnen der Kindertagesstätte, deren Träger die Arbeiterwohlfahrt ist (AWO). In den Arbeitszeiten der Erzieherinnen und Erzieher sei zu wenig Zeit eingeplant für Vertretungen bei Krankheit und Urlaub, für Dokumentationen und Administratives. „Und“, fragen Schwarz und Hundertmark, „wo bleibt dabei noch die Arbeit am Kind?“

Erzieherinnen: Qualifiziertes Personal ist schwer zu finden

Das zweite Problem: Offene Stellen können nicht besetzt werden. 17 Erzieherinnen sind im Erlenhof tätig, Schwarz und Hundertmarkt springen schon selber als Erzieherinnen ein, da drei Stellen aktuell nicht besetzt sind. Die Suche nach qualifiziertem Personal ist schwer, daher begrüßen sie besonders das Projekt Questo, „es ist eine wirklich wichtige Sache, an deren Finanzierung die Stadt Ahrensburg sich auch dankenswerter Weise beteiligt.“ Bei Questo werden Quereinsteiger aus anderen Berufen von der AWO ausgebildet als Erzieher, um dem Mangel an Fachräften entgegen zu wirken.

„Wie kann das sein, dass wir als Eltern einspringen müssen?“, fragen die Elternvertreter der Gruppe. „Die Stadt und das Land versprechen Kinderbetreuung und halten das Versprechen nicht ein.“ Die engagierten Eltern sind gerne dabei, um nachmittags mal zu unterstützen oder in der Not auszuhelfen, „aber doch nur, wenn ich sehe, dass es eine einmalige Aktion ist“, sagt Kirsten Hinzer.

Bildungsleitlinien in Kindertagesstätten: Gestiegene Anforderungen

Es ist ein komplexes Thema, wird im Gespräch mit Kindertagesstättenleitung und Elternvertretern schnell deutlich. „Die Bildungsleitlinien und die Anforderungen an die Kindertagesstätten werden immer höher, die Arbeit verdichtet sich immer mehr“, so Schwarz. „Aber wie sollen die Erzieherinnen das auffangen, wenn ihnen dafür nicht mehr Arbeitszeit zur Verfügung gestellt wird?“ Für sie müssten bei einer Vollzeitkraft mit 38,5 Wochenstunden Arbeitszeit mindestens 8,5 Stunden für andere Aufgaben als die Arbeit im Kind  eingeplant werden.

„Auch wir Eltern stehen unter Druck“, berichten Kirsten Hinzer, Stefanie Bütefisch, Jana Bartels und René Sahlmann aus der Elternschaft. „Die Arbeitgeber  reagieren schon mit Stirnrunzeln, wenn unsere Kinder mal krank sind.“ Ansonsten verlasse sich die Gesellschaft darauf, dass die Kinder schon betreut sind. „Kindererziehung ist gesellschaftlich betrachtet Privatsache“, sagt Christin Schwarz, „doch die Gesellschaft erwartet etwas anderes, der Arbeitgeber fordert etwas anderes.“ Wer Kinder hat, müsse selber sehen, wie die Betreuung zu den Arbeitszeiten der Eltern geregelt wird. Eine ausreichende Betreuung werde voraus gesetzt – doch insgesamt zuwenig Geld dafür in die Hand genommen. Schwarz: „Die Anforderungen, die Kinderbetreuungseinrichtungen erfüllen müssen, damit die Eltern darauf bauen können, wurden nicht angepasst.“

Betreuung in der Kindertagesstätte Erlenhof: Eltern und Erzieherinnen schlagen Alarm, im Bild die Elternvertreter Kirsten Hinzer, Stefanie Bütefisch, Jana Bartels und René Sahlmann (hinten von links) und die beiden Leiterinnen Christin Schwarz und Antje Hundertmark (vorne von links).

Betreuung in der Kindertagesstätte Erlenhof: Eltern und Erzieherinnen schlagen Alarm, im Bild die Elternvertreter Kirsten Hinzer, Stefanie Bütefisch, Jana Bartels und René Sahlmann (hinten von links) und die beiden Leiterinnen Christin Schwarz und Antje Hundertmark (vorne von links).

Ganz zu schweigen von der Attraktivität des Erzieherinnenberufes: Einer eigenständig zu finanzierenden fünfjährigen schulischen Ausbildung folgt nicht selten ein Einstiegsgehalt von etwa 2.300 Euro brutto.

Die Eltern: Sie erleben den Druck auf dem Arbeitsmarkt

In der Arbeitswelt sei das Problem ebenfalls nicht angemessen beachtet: „Die Arbeitgeber nehmen darauf keine Rücksicht“, sagen die Eltern. Sie wissen von Eltern, die sich dafür rechtfertigen müssten, wenn sie Zeit für ihre Kinder bräuchten. Auch die Anerkennung dafür, dass Väter mehr an der Erziehung ihrer Kinder teilhaben wollen oder auch nur Elternzeit in Anspruch nehmen wollen, fehle noch vielfach.

„Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass die Ausstattung der Kindertagesstätten so nicht ausreichend ist“, sagen die Eltern. Natürlich erhoffen sie sich zunächst mehr Mittel von der Stadt Ahrensburg, die kommunal über zusätzliche Mittel entscheiden müsste. Die Eltern fühlen sich auch von der Stadt im Stich gelassen. Und es geht ihnen auch ums Prinzip: „In einer Kindertagesstätte sollen die Kinder doch betreut werden, und nicht verwahrt“, so Kerstin Hinze.

Warum die Situation an der Kita Erlenhof so drängend ist, wollen Leitung und Elternvertreter auf einem Elternabend am morgigen Donnerstag allen Eltern erläutern. „Es geht auch darum zu erklären, warum es richtig und notwendig ist, eine Gruppe eben mal zu schließen“, betont Sahlmann. Sie als Elternvertreter wissen – es ist ein strukturelles Problem, für dass sie nun Forderungen stellen.

Vergleiche auch die Berichte zur Situation an der Hortbetreuung in Ahrensburg:

„Hort- und Kindergartenplätze im Sozialausschuss: Eltern fordern, Politik und Verwaltung liefern“

Kommentar: „Kommentar: Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung??“

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2 Kommentare

  1. Ich muss nun aber mal eine Lanze für die Kita Erlenhof brechen! Von allen Seiten hört man nur „Horror-Stories“ und die Eltern haben schon „Befürchtungen“, dass ihre Kinder dem Erlenhof zugeteilt werden (WENN sie denn mal einen Platz zugeteilt bekommen! Aber das ist ja hier nicht das Thema).
    Wir haben auch erst nach langem Warten endlich Plätze für unsere Zwillinge bekommen und sind total zufrieden mit dem Erlenhof! Die Kinder fühlen sich superwohl dort und die Erzieher machen einen ganz, ganz tollen Job. Man darf wirklich nicht vergessen, dass die Erzieher heutzutage viel größeren Erwartungen gegenüberstehen und wir Eltern alle auf wirklich hohem Niveau jammern. Natürlich ist es nicht möglich, jedes Kind sekundengenau zu beobachten und alles bis ins Kleinste zu dokumentieren. Und ja, die anfangs versprochene Aktualität (was haben wir gemacht?, Was finden wir diesen Monat im Wald?) wird nicht immer tagesaktuell aufgehängt – aber mir ist es doch tausend mal lieber, wenn die Erzieher sich mit den Kindern beschäftigen anstatt Tabellen und Listen auszufüllen. Hauptsache die Kinder fühlen sich wohl und gehen gern in die Kita! (Was in der Vergangenheit bei unseren beiden nicht immer der Fall war). Ich sehe durchaus die Mühe der Erzieher, den Raum schön zu gestalten, sich immer wieder neue kreative Bastelideen auszudenken und Ausflüge zum Sport und zum Theater zu initialisieren.

    Geeignete Erzieher zu finden, die ins Team und zu den Kindern passen, ist anbetracht des Hungerlohns, den die Damen und Herren erhalten, m. E. eine Frage der Politik und nicht das Problem der Erlenhof-Kita. Schließlich war es doch die Erlenhof-Kita, die die Initiative zur Umschulung zu geeignetem Fachpersonal unterstützt hat. Dass das Projekt dann gekündigt wurde, ist ja nicht die Schuld der Kita gewesen. Dementsprechend seinen Ärger auf die Kita zu konzentrieren ist m. E. ungerechtfertigt (zumal sogar die Leitung als Erzieher einspringt, wenn zu wenig Erzieher aufgrund von Krankheiten/Urlaub vor Ort sind). An sich stimme ich meiner Vorrednerin aber natürlich zu, dass – obwohl das Problem der fehlenden Kitaplätze und der Erzieher seit Jahren bekannt ist – zu wenig von der Politik gefördert wird. Man kann ja eins und eins zusammenzählen, dass wir alle in ein paar Jahren dann vor dem Problem stehen, dass zu wenig Schulen und zu wenig Hortplätze vorhanden sind.. denkt da eigentlich schon jemand im Rathaus dran?

  2. Besorgte Mutter on

    Und nochmal ist es letzte Woche wieder zu der Schließung einer Gruppe im Kita Erlenhof gekommen. Die Kinder wurden wieder weggeschickt und die Eltern mussten zusehen, wie sie es mit ihrem Arbeitgeber klären, dass sie nicht zur Arbeit kommen können.

    Das Problem wird nicht gelöst. Es ist lange mehr keine „Bildungseinrichtung“, sondern eine Aufbewahrung der Kinder.
    Der Auskunft, dass es nicht ausreichend Fachkräfte auf dem Markt gibt, zieht nicht mehr. Der Kita machte vor drei Jahren auf und es ist längst überfällig neue Lösungen zu suchen. Die Leitung, der Träger und die Stadt schieben die Schuld hin- und her und keiner übernimmt die Verantwortung für eine zuverlässige und kindgerechte Betreuung!

    Die Eltern und vor allem die Kinder müssen unter diesem schlechten Zustand leiden!

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