Skandalabra mit dem Theater Marstall: Das war schwere Kost

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Ahrensburg (ve). Mit „Die  Grafen lassen bitten“ begeisterten sie das Geburtstagskind Stadt Ahrensburg, mit „Medea“ setzten sie sich selber ein Denkmal. Nun inszenierte die Theatergruppe Marstall das Stück „Skandalabra“. Eine Inszenierung, die den beiden vorherigen ihre Position nicht streitig machen wird.

Theatergruppe des Marstalls zeigt "Scandalabra" von Zelda Fitzgerald. Szenenbild mit Frank Arlt, Regina Lietz, Nikolas Wiesner und Ulrike Jaeger.

Theatergruppe des Marstalls zeigt „Scandalabra“ von Zelda Fitzgerald. Szenenbild mit Frank Arlt, Regina Lietz, Nikolas Wiesner und Ulrike Jaeger.

Es ist ein schweres Stück. Also jetzt rein vom Gewicht her. Zelda Fitzgerald braucht ursprünglich vier Stunden, um ihre Aussage auf die Bretter, die die Welt bedeuten, zu bringen. Darüber schüttelte ihr Mann Scott Fitzgerald, selber mit „Der große Gatsby“ kein Leichtgewicht, massiv den Kopf und kürzte das Stück in der Generalprobe der Uraufführung auf zwei Stunden.

Und was ist die Aussage? Die Gesellschaft und damit der wirtschaftliche Erfolg ihrer Mitglieder lebt davon, sich am Skandal der anderen zu ergötzen. Sie hält als Messlatte eine Moral hoch, deren Einhaltung sie mit kompletter Missachtung, aggressivem Gähnen und damit dem wirtschaftlichen Abstieg der moralsauren Langweiler belohnt. Und wenn Ihnen das jetzt alles zu verquakst und schwierig vorkommt, erahnen sie Zelda Fitzgeralds Dilemma. (Oder auch das von Donald Trump, der gar keines hat …)

Und ein bisschen auch das Dilemma der Theatergruppe Marstall. Denn Zelda hat sich nicht nur ein schweres Thema vorgenommen, sondern das – und nein, das Intro dieses Artikels ist noch nicht zu Ende, ein bisschen müssen Sie noch durchhalten – auch noch mit gewichtigen Kunstmitteln umgesetzt. Eine Sprache und Dialogführung, die in ihren Querverbindungen und Assoziationen wahrscheinlich tiefgründig ist. Beim Zuhören im Theater ist das nicht immer erfassbar. Erfassbar ist aber, dass Zelda der bitteren Erkenntnis ob der Oberflächlichkeit ihrer Mitmenschen – und vermutlich ihrer eigenen – beißenden Spott und Häme nachwirft und dies selber gerne hinterfragt, bricht, spiegelt, bejubelt und verteufelt. Nur: Wie ist so viel Mannigfaltigkeit eigentlich erfassbar?

Theatergruppe des Marstalls zeigt "Scandalabra" von Zelda Fitzgerald. Nikolas Wiesner und Ilse Stark.

Theatergruppe des Marstalls zeigt „Scandalabra“ von Zelda Fitzgerald. Nikolas Wiesner und Ilse Stark.

So, und jetzt zur Theatergruppe Marstall. Die hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieser schweren Sprache und noch schwereren Thematik unter der Regie von Denis Strobel Leichtigkeit zu verleihen. Allein für diese Ehrgeiz gebührt dem Ensemble ein Lob. Wie gelingt ihnen die Leichtigkeit?

Ilse Stark als Butler Baffles – schon alleine ihre Maske ist einfach klasse – bleibt stringent der allwissende Welterklärer, nicht zu überheblich, aber sich seines Mehrwertes gegenüber seinen Arbeitgebern bewusst. Damit trägt Ilse Stark ein Großteil des Stückes. Regina Lietz und Ulrike Jaeger sind die Frauen, die die Skandale und Tratscherei hervorrufen und befördern. Das weiß Ulrike Jaeger gerade in ihrer ersten Szene als Connie überzeugend auf die Bühne zu bringen. Regina Lietz als Blümchen muss die ganze Bandbreite von instrumentalisiertem Desinteresse bis hin zu wahrer Liebe darstellen – und wirft sich dabei sehr auf das leichte Lebemädchen, das Blümchen eigentlich eben nicht ist.

Frank Arlt ist ihr Ehemann, der das ganze Spiel mit den Skandalen irgendwie doch nicht begreift. Arlt bleibt dabei leicht stocksteif und distanziert – eben einer dieser Langweiler, von dem keiner etwas wissen will. Wenn auch bestimmt nicht moralsauer, sondern liebenswürdig. Nikolas Wiesner ist als unwissend Hörnender fast hilflos den intrigierenden Frauen ausgeliefert, sein Rechtsanwalt Schluss wird niemals tatsächlich Herr der Lage. Wohl fühlt sich Wiesner augenscheinlich in der Hauptrolle des Intros, dem sterbenden Onkel. Skurril und fratzenhaft setzt er an den Beginn der Inszenierung ein deutliches Ausrufezeichen. In den Nebenrollen haben es Marianne Nehrkorne, Anne Horstmann und Birgit Holst leichter, sie trumpfen in ihren Rollen auf mit plumper Direktheit und lauter Schlichtheit.

Theatergruppe des Marstalls zeigt "Scandalabra" von Zelda Fitzgerald. Am Ende ein Happy End mit Frank Arlt und Regina Lietz.

Theatergruppe des Marstalls zeigt „Scandalabra“ von Zelda Fitzgerald. Am Ende ein Happy End mit Frank Arlt und Regina Lietz.

Trotz der Reduktion auf 50 Prozent bleibt „Skandalabra“ auf der Marstallbühne etwas zäh und schwerfällig. Das kann die Theatergruppe Marstall trotz großen Engagements nicht wegspielen. Vielleicht hätte es zu mehr Tempo und mitreißendem Spiel noch eines weiteren Rotstiftes bedurft.

Singulär ist diese Aufführung allemal, lässt Armin Diedrichsen am Rande der Aufführung wissen. Denn nach der Uraufführung im mehr privaten Raum ist das Stück von Zelda Fitzgerald nie wieder aufgeführt worden. Armin Diedrichsen ist es irgendwie zugefallen und so landete das Stück in der Theatergruppe des Marstalls. Es passte in diese Spielzeit, weil die Gruppe sich diesmal in zwei Ensembles aufgeteilt hat. Vor wenigen Wochen hatte der andere Teil der Gruppe unter der Regie von Diedrichsen „Mary Stewart singt nicht mehr“ gezeigt.

Das Ensemble: Theatergruppe des Marstalls zeigt "Scandalabra" von Zelda Fitzgerald. Am Ende ein Happy End mit Frank Arlt und Regina Lietz, Nikolas Wiesner und Ulrike Jaeger.

Das Ensemble: Theatergruppe des Marstalls zeigt „Scandalabra“ von Zelda Fitzgerald. Am Ende ein Happy End mit Frank Arlt und Regina Lietz, Nikolas Wiesner und Ulrike Jaeger.

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