Gastbeitrag: Die Freidemokraten kämpfen für das Wechselmodell im Trennungsfall

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Großhansdorf (ve/pm). Am 4. Juli 2016 fand in Großhansdorf die Veranstaltung: „Trennungskinder – Zuhause an zwei Orten?“ statt. Organisiert wurde die Veranstaltung vom FDP Bezirksverband Grosshansdorf-Hoisdorf-Siek zusammen mit dem FDP Kreisverband Stormarn. Lesen Sie einen Gastbeitrag über die Veranstaltung vom FDP Bezirksverband .

„Bei einer Scheidungsrate von 35 Prozent kann man bei unserer Forderung, die Doppelresidenz als Standard Betreuungsmodell im BGB zu verankern, nicht von einem Nischenproblem sprechen.“ Foto: FDP Großhansdorf

„Bei einer Scheidungsrate von 35 Prozent kann man bei unserer Forderung, die Doppelresidenz als Standard Betreuungsmodell im BGB zu verankern, nicht von einem Nischenproblem sprechen.“
Foto: FDP Großhansdorf

Die Zielsetzung der Veranstaltung war es, die momentan geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen von betroffenen Eltern und Kindern im Trennungsfall zu erläutern und unter Berücksichtigung der mittlerweile geltenden rechtlichen Standards in anderen europäischen Ländern, eine Zukunftsperspektive für Deutschland zu erarbeiten.

„Die hohe Teilnehmerzahl an unserer Veranstaltung, in Kombination mit den guten und konstruktiven Gesprächen vor und nach der Diskussionsrunde, zeigen uns, dass wir Freidemokraten an diesem wichtigen Thema weiterarbeiten müssen. Die Situation der Eltern, und vor allem die der betroffenen Kinder nach einer Trennung, bedürfen dringend einer Neugestaltung. Die aktuelle Rechtsprechung, aufgrund derer oftmals der Einfachheit halber das Residenzmodell im Trennungsfall beschlossen wird, ist nicht mehr zeitgemäß.“, so Carsten Pieck, stellvertretender Vorsitzender der FDP Großhansdorf-Hoisdorf-Siek.

Momentan legen Familiengerichte aufgrund der Gesetzeslage im BGB im Streitfall oftmals fest, dass das Kind nach dem Residenzmodell betreut wird. Die Kinder werden nach einer Trennung/Scheidung dann nur von einem Elternteil, im Allgemeinen der Mutter, betreut.
Die betroffenen Kinder haben nach Trennung der Eltern nur einen gewöhnlichen Aufenthaltsort und Lebensmittelpunkt.

Verlierer sind bei dieser Lösung zwei Parteien: Zum einen der Elternteil (zumeist der Vater), der um den Kontakt zu seinen Kindern kämpfen muss. Zum anderen vor allem die Kinder, denen ein Elternteil vorenthalten wird, und der nicht an ihrem täglichen Leben teilhaben kann.

Dabei ist in Fachkreisen schon lange bekannt, und durch wissenschaftliche Studien unlängst bewiesen, „dass die „Doppelresidenz“ nach einer Scheidung bzw. einer Trennung der Eltern im Regelfall für das Kindeswohl das wohl günstigste Rahmenmodell darstellt.“ (Prof. Dr. Harald Wernick). Einer australischen Studie zufolge zeigen Kinder, die nach dem Wechselmodell betreut werden, eine bessere sozio-emotionale und kognitive Entwicklung (gemessen an ihrer Sprachentwicklung), als Kinder im Residenzmodell. (Cashmore et. al. 2010)

Zusammen für das Wechselmodell im Trennungsfall: Carsten Pieck, (stellvertretender Vorsitzender FDP-Großhansdorf-Hoisdorf-Siek), Burkhardt Müller-Sönksen (Jurist), Anita Klahn (bildungs-und sozialpolitische Sprecherin der FDP im Landtag), Thomas Steffens (Experte und alleinerziehender Vater), und vorne Ralph Bokisch (Vorsitzender Freie Demokraten Ortsverband Barmstedt). Foto:FDP Großhansdorf

Zusammen für das Wechselmodell im Trennungsfall: Carsten Pieck, (stellvertretender Vorsitzender FDP-Großhansdorf-Hoisdorf-Siek), Burkhardt Müller-Sönksen (Jurist), Anita Klahn (bildungs-und sozialpolitische Sprecherin der FDP im Landtag), Thomas Steffens (Experte und alleinerziehender Vater), und vorne Ralph Bokisch (Vorsitzender Freie Demokraten Ortsverband Barmstedt).
Foto:FDP Großhansdorf

„Ein Paradigmenwechsel wie ihn viele europäische Länder und Skandinavien schon vollzogen haben, steht auch in Deutschland an, da die klassische Rollenverteilung in den Familien längst im Wandel ist. Auch in unserem Land wollen sich Väter nach der Trennung trotz beruflicher Belastung weiterhin gleichberechtigt um ihre Kinder kümmern – und dies nicht nur an jedem zweiten Wochenende, meistens von Freitagmittag nach Schule/Kindergarten bis Sonntag 18 Uhr.“, so Anita Klahn, sozial- und bildungspolitische Sprecherin der FDP im Landtag.

Thomas Steffens, der Initiator der Veranstaltung, dazu: „Wir haben in Deutschland eine Scheidungsrate von 35 Prozent. Momentan gibt es in Deutschland circa 2,3 Millionen Scheidungskinder. Jedes Jahr kommen circa 100.000 Kinder dazu. Dieses alles nur Kinder aus Ehen. Kinder aus Lebensgemeinschaften sind in den ganzen Statistiken nicht erfasst. Insofern kann man bei unserem Anliegen, die Doppelresidenz als Standard Betreuungsmodell im BGB zu verankern, nicht von einem Nischenproblem sprechen.“

Viele Landesverbände der Freidemokraten haben dieses Thema inhaltlich schon aufgegriffen und sprechen sich für eine Änderung des § 1626 + 1626a BGB aus, bei dem in der Novellierung das Prinzip der Doppelresidenz / Wechselmodell als Standardmodell festgelegt werden soll. Im Herbst 2015 hat auch der Europarat die Resolution „Gleichstellung und gemeinsame elterliche Verantwortung: Die Rolle der Väter“ einstimmig verabschiedet.

„Der Europarat hat zwar keine direkte rechtsverbindliche Wirkung in die Mitgliedstaaten, jedoch ist er eine anerkannte Institution, die mit dem europäischen Gerichtshof für Menschenrechte moralische Standards setze“, so der Jurist Burkhardt Müller-Sönksen. Müller-Sönksen führt weiter aus: „Ich spreche hier leider nicht für meine Zunft, aber die Möglichkeit der Verfolgung von kommerziellen Interessen der Beteiligten, insbesondere von Juristen und Sachverständigen, muss umgehend – im deutschen Familienrecht – beendet werden.“

Auch Anita Klahn stellte zum Abschluss der Veranstaltung eine deutliche Forderung in Richtung aller Handelnden: „Die Würde und das Wohl von Kindern müssen endlich zentral in den Mittelpunkt bei Trennung und Scheidung der Eltern gestellt werden. Psychische Belastungen bei Kindern sind zwingend durch die Systembeteiligten zu unterlassen, dafür werde ich mich weiterhin vehement, auch im Landtag, einsetzen.“

Die Freidemokraten planen weitere Veranstaltungen zu dem Thema Trennungskinder in Schleswig Holstein. Informationen dazu findet man auf www.fdp-grosshansdorf.de oder www.fdp-stormarn.de oder auf facebook www.facebook.com/FDP.Grosshansdorf

Thomas Steffens, Burkhardt Müller-Sönksen und Anita Klahn im Gespräch mit den Teilnehmern der Veranstaltung „Trennungskinder- Zuhause an zwei Orten“. Foto:FDP Großhansdorf

Thomas Steffens, Burkhardt Müller-Sönksen und Anita Klahn im Gespräch mit den Teilnehmern der Veranstaltung „Trennungskinder- Zuhause an zwei Orten“.
Foto:FDP Großhansdorf

Quelle: FDP Großhansdorf Hoisdorf Siek

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3 Kommentare

  1. Sven Zeisberg on

    Prima, dass Sie das Wechselmodell zum Standard machen wollen. Dies entspricht wissenschaftlich nachweisbar am besten dem Wohl des Kindes. Wichtig ist aus meiner Sicht die Parität. Es muss ein paritätisches Wechselmodell als Standard eingeführt werden. Nur dies ist gerecht und sichert Dialoge der Eltern auf Augenhöhe sowie eine gleichberechtigte Wahrnehmung beider Elternteile durch das Kind ab. Vielen Dank für Ihren Auftritt pro Doppelresidenzmodell. Für mich wäre das derzeit der wichtigste Grund Ihre Partei zu wählen.

  2. Sehr geehrte Frau Tammena,
    danke für Ihren Kommentar, zu dem ich gerne antworte.
    Zuerst möchte ich mich beim Redaktionsteam von ahrensburg24 bedanken, die unseren Gastbeitrag zu diesem wichtigen Thema überhaupt veröffentlicht haben. Nur so entsteht die Möglichkeit, dass auch wir (Sie + ich) uns über dieses wichtige Thema austauschen können.
    Sie haben in Ihrem Kommentar ein paar Punkte aufgegriffen, zu denen ich gerne Stellung nehmen möchte.
    Den Eltern, die mit ihren Kindern das Modell der Doppelresidenz leben, wird oft mehr oder weniger deutlich unterstellt, primär an ihren eigenen Bedürfnissen nach Kontakt mit dem Kind interessiert zu sein. Das Interesse am Wohlergehen des Kindes wäre demnach zweitrangig. Zum Ausdruck kommt dies in Aussagen wie „Na, ich würde nicht an zwei Wohnsitzen leben wollen, das wäre mir viel zu anstrengend“.
    An dieser Betrachtungsweise wird meines Erachtens eines zu wenig differenziert: Erwachsene orientieren ihren Lebensmittelpunkt primär am Lebenspartner. Viele wechseln den Wohnort, nur um mit dem Partner den Lebensalltag verbringen zu können. Der ursprüngliche Wohnort wird nebensächlich. Der Ort orientiert sich nach der Liebe.
    Ein Kind liebt vorrangig zwei Menschen. Vater und Mutter. Ein Kind ist in seinem Sein von deren Gegenliebe abhängig. Fehlt ein Teil, hat dies mehr oder weniger große Auswirkungen auf die Identitätsenwicklung des Kindes (dieses ist nachzulesen in den von mir oben im Text genannten Quellen / wissenschaftlichen Studien). Trennen sich die Eltern, bleibt die Liebe zu Mutter und Vater ungebrochen. Der Wohnort hat dann erstmal untergeordnete Bedeutung. Von beiden Eltern möglichst gleich viel Zuwendung zu bekommen, besitzt größeren Stellenwert.
    Kinder haben darüber hinaus ein sehr großes Bedürfnis nach Gleichbehandlung beider Eltern. Dahinter steckt teilweise auch die Angst bei Ungleichverteilung ihrer Liebe dementsprechend auch von einem weniger an Liebe zurückzubekommen. Auch diesbezüglich ist die Doppelresidenz am Kind orientiert.
    Unser Ziel, die Doppelresidenz als „Standard-Betreuungsmodell“ im BGB zu manifestieren, gilt für den „Streitfall“. In einer idealen Welt, kommt es gar nicht erst soweit und Eltern finden (im Zweifel mit Mediation oder durch andere Hilfsstellen…) eine für alle gangbare Lösung.
    Im Streitfall, und das ist ja der Kern des Anliegens, entscheidet eine Maschinerie (Anwälte, Gutachter, Psychologen…), die aufgrund eigener finanzieller Interessen agiert, über das Wohl des betroffenen Kindes.
    Hier geht es „überspitzt“ gesagt selten um das auch von Ihnen angeführte Kindeswohl. Diesen persönlichen Eindruck bestätigen mir / uns leider auch viele „Insider“.
    Und auf Grundlage des momentan geltenden BGB §1626 + 1626a wird dann von dieser „Maschinerie“ das Residenzmodell als Betreuungsmodell festgelegt. Dem Kind wird somit de jure ein Elternteil (meistens der Vater) entzogen (alle 14 Tage ein Wochenende…).
    Bei den Doppelresidenzkindern wird immer wieder auf die Spätfolgen verwiesen, die erst durch Langzeitstudien festgestellt werden können, wenn die Kinder dann auch schon zu Erwachsenen gereift sein werden.
    Jetzt schon gibt es aber viele Studien, die klare Hinweise darauf geben, dass das Fehlen des zweiten Elternteiles potentiell nachteilige Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern hat.
    Die Ärztin Dr. Gresser kommt z. B. im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeiten zu dem Ergebnis, dass Kinder bei dem Kontaktverlust zu einem Elternteil durch Elterntrennung ca. doppelt so hoch und mit dem Faktor drei zeitlich länger belastet sind, als Kinder mit Kontaktverlust zu einem Elternteil durch Tod. (Fokus auf die Folgeerscheinung Depressionen und Alkoholmissbrauch).
    (vgl. Professor Dr. med. Ursula Gresser, NZFam Neue Zeitschrift für Familienrecht 11.2015)
    Das Doppelresidenz- / Wechselmodell bedeutet auch nicht ein „starres Betreuungsmodell“ nach einer 50/50 Aufteilung. 80/20, 70/30,60/40… alles Möglichkeiten, natürlich immer in Absprache mit dem betroffenen Kind (soweit altersabhängig möglich).
    Und natürlich gibt es absolute und relative Vorraussetzungen, die für die Doppelresidenz notwendig sind: Das Kind darf bei keinem Elternteil psychisch bzw. physisch gefährdet sein. Die Eltern müssen bereit sein, Verantwortung für das Kind zu übernehmen und dazu aus organisatorischen Gründen auch in der Lage sein (Stichwort: ungünstige Arbeitszeiten, Auslandsaufenthalte). Das Kind muss von beiden Wohnsitzen aus in der Lage sein, den Kindergarten bzw. die Schule zu erreichen. (Auch in bestehenden Ehen / Beziehungen müssen jedoch Kinder teilweise auch sehr weite Schulwege in Kauf nehmen, weil den Eltern eine bestimmte Schule wichtig ist.).

    Als notwendige relative Vorraussetzungen für das Dppelresidenzmodell kann man hier anführen, dass das Kind eine gute Bindung zu beiden Elternteilen haben sollte. In der Regel haben das die Kinder, auch zu dem Elternteil der zeitlich weniger präsent ist. Eine Regelmäßigkeit in der Abfolge der Kontakte wirkt sich sehr positiv auf das Kind aus.
    Grundsätzlich ist bei den Pendelintervallen wichtig, sie dem Kind entsprechend durchzuführen und bei Veränderungsbedarf darauf zu reagieren. Bei manchen Familien wird im Laufe der Zeit vom Modell der Doppelresidenz wieder abgegangen, weil das Kind es nicht mehr will. Wichtig dabei ist es, sich die Motivation des Kindes genauer anzusehen.
    Jugendliche formulieren den Wunsch nach einem hauptsächlichen Wohnsitz manchmal, weil sie beim gleichgeschlechtlichen Elternteil mehr Zeit verbringen wollen, oder sich mit dem Lebensgefährten des einen Elternteiles nicht verstehen.
    Sie sehen es ist ein weites Feld, und es ist schwer möglich es hier in der kompletten Breite und Tiefe darzustellen. Gerne schicke ich Ihnen Informationen zu unserer nächsten geplanten Veranstaltung in Ahrensburg zu (wahrscheinlich August / September).
    Aber das ganze einmal in einem kurzen Satz: bei der überfälligen Novellierung des BGB §1626 + 1626a denken wir Freien Demokraten (Frau Klahn als MdL) grundsätzlich „vom Kind“ aus.
    Lieben Gruß und bei Fragen etc. mailen Sie mir gerne: carsten.pieck@fdp-grosshansdorf.de

  3. Gertrud Tammena on

    Dieser Beitrag klingt so großartig und einfach. Ich lese darin wenig vom Kindeswohl oder von Bindungstheorien.
    Eine „Doppelresidenz“ ist nur möglich, wenn die getrennt lebenden Eltern in der Nähe/im gleichen Stadtteil/Ort wohnen, damit Kindergarten/Schule als gemeinsamer Bezugspunkt für das Kind da ist. Es bedeutet für Kinder einen hohen Kraftaufwand, ständig zwischen zwei Familien hin- und herzupendeln, die verschiedene Erziehungsstile, Standards, Erwartungen zu erfüllen, in zwei verschiedenen sozialen Nachbarschaftsfelder und Freundeskreise seinen Platz zu behaupten, doppelte Pflichten und Rechte wahrzunehmen. Die Zerrissenheit eines solchen Kindes kann es sehr mutlos machen.
    Wichtig ist das Kindeswohl, Mediation, zu erfahren, wo und wie das Kind bestmöglich leben und sich entwickeln kann und will als eigene Person und nicht als geteiltes Wesen, dass es verschiedenen Ansprüchen, Elternteilen und deren Arbeitsbedingungen recht machen muss. Es gibt keine Patentlösung, aber es wäre gut, wenn Kinder – nicht nur in getrennten Situationen – einen externen „Anwalt“ hätten, der ihre Rechte wahrt und ihre Situation schützend bgleitet. Das hier beschriebene Vorgehen klingt mir zu einfach. Es mag im Einzelfall (gut) funktionieren – aber es kommt auf die jeweilige Situation an.

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