Flüchtlinge in Ahrensburg: Schülerin schreibt ein Buch/Lesung in der Stadtbücherei

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Ahrensburg (ve). Zwei Ahrensburger Schülerinnen treffen sich, die eine erzählt der anderen ihr Leben. Ein Leben im syrischen Krieg. Aus dieser Erzählung ist nun ein kleines Buch geworden.

Lesung in der Stadtbücherei Ahrensburg: Sabeth Schrader hat ein kleines Buch geschrieben über das syrische Mädchen Roushank und deren Flucht nach Deutschland.

Lesung in der Stadtbücherei Ahrensburg: Sabeth Schrader hat ein kleines Buch geschrieben über das syrische Mädchen Roushank und deren Flucht nach Deutschland.

Wie kann die Integration der Flüchtlinge in Deutschland gelingen? Diese Frage stellen sich in der zweiten Phase der Aufnahme der Flüchtlinge in diesem Land viele. Die Stadtbücherei Ahrensburg hatte zu diesem Thema zu einer Veranstaltung mit einem Fachmann geladen. Dr. Wulf Köpke ist ehemaliger Leiter des Völkerkundemuseums in Hamburg und heute am Institut für Transkulturelle Kompetenz an der Akademie der Polizei Hamburg tätig. An diesem Institut sollen Wege für ein besseres Zusammenleben aller in Deutschland gefunden werden.

Sabeth Schrader: „Suche nach Freiheit“

Im Vorfeld dieser Veranstaltung erfuhr Büchereileiter Thomas Patzner von der Arbeit vom Projekt der Ahrensburgerin Sabeth Schrader. Die 14-Jährige hat im Rahmen eines Schulprojektes ein kleines Buch geschrieben. Sie hat das syrische Mädchen Roushank kennen gelernt und sich von ihr ihre Geschichte erzählen lassen.

Roushank hat in Syrien mit ihrer Familie den Krieg erlebt und ist geflohen. 2012 kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland, zog schließlich nach Ahrensburg. Erst zwei Jahre später gelang ihren jüngeren Brüdern ebenfalls die Flucht nach Deutschland, heute leben alle zusammen in Ahrensburg.

Die Geschichte einer syrischen Familie, die heute in Ahrensburg lebt

„Die Geschichte von Roushank hat mich sehr berührt und ich habe viel darüber nachgedacht“, erzählt Sabeth Schrader im Gespräch mit ahrensburg24.de. „Es ist krass, was die Menschen dort erleben, sie sind Ängsten ausgesetzt, die man sich nicht vorstellen möchte.“ Ein Jahr lang haben die beiden Mädchen sich regelmäßig zu Gesprächen getroffen, später kam auch der Bruder Bashar hinzu. Aus der Arbeit, die Sabeth für die Schule schreiben sollte, ist dann schließlich ein kleines Buch geworden, „Suche nach Freiheit“ heißt es.

Sabeth Schrader liest in der Stadtbücherei Ahrensburg aus ihrem Buch "Suche nach Freiheit" vor.

Sabeth Schrader liest in der Stadtbücherei Ahrensburg aus ihrem Buch „Suche nach Freiheit“ vor.

„Das Schwierigste war für mich“, so Sabeth weiter, „die Gefühle so zu beschreiben, dass sie auch richtig wiedergegeben sind. Denn ich kann sie nur erahnen.“ Ihr enger Kontakt zu Roushank und Bashar habe ihr gezeigt: „Ich kann verstehen, wenn die Menschen, die hierher kommen, verschlossen sind. Sie haben so viel erlebt, das verstörend ist. Eigentlich ist jede dieser Geschichten wert, aufgeschrieben zu werden.“

Dr. Wulf Köpke: Der Blick eines Ethnologen

Damit hat sie den Nerv getroffen, an dem in seinem Vortrag Dr. Wulf Köpke ansetzte. „Sabeth Schrader hat etwas Wichtiges gemacht“, lobt er, „sie hat zugehört.“ Fehlendes Wissen, Vorurteile, Ängste und Sorgen seien im Miteinander der Menschen Grund für schwerwiegende Missverständnisse und Fehlentwicklungen. Zuhören und Aufeinander Zugehen sei die Lösung.

Dr. Wulf Köpke, ehemaliger Leiter des Völkerkundemuseums in Hamburg und heute am Institut für Transkulturelle Kompetenz an der Akademie der Polizei Hamburg tätig.

Dr. Wulf Köpke, ehemaliger Leiter des Völkerkundemuseums in Hamburg und heute am Institut für Transkulturelle Kompetenz an der Akademie der Polizei Hamburg tätig.

Dr. Wulf Köpke benannte es als die zweite Phase der Arbeit mit den Flüchtlingen: „Jetzt muss es gelingen, Beziehungen auf Augenhöhe herzustellen.“ Der erste Impuls „Wir wollen helfen“ bewirke ein Engagement für eine gewisse Zeit, er dürfe aber nicht zum Selbstzweck werden. Denn zum einen werden die Helfer des Helfens müde, zum anderen empfinde sich ein Mensch, der stets auf Hilfeleistung angewiesen ist, als entwertet.

Die Hürden zwischen den Kulturen

Als Ethnologe weiß Köpke, dass das größte Hindernis die unterschiedlichen Kulturen und Gepflogenheiten der Menschen sind. Flüchtlinge, Migranten und Deutsche hätten so unterschiedliche gesellschaftliche Gewohnheiten, dass Missverständnisse unausweichlich sind. Anhand von vielen kleinen Anekdoten erzählte Köpke das in kurzweiliger und unterhaltsamer Art.

Beispiel: Eritäer betrachten Hunde als gefährlich, Polizeihunde erst recht. So kam es zu einem dramatischen Zwischenfall zwischen der Eriträern und der Hamburger Polizei, weil die Polizei in diesem Fall ihre Polizeihunde einsetzte. Aus diesem Einsatz seien beide Seiten mit traumatischen Erinnerungen herausgegangen. Im Institut für Transkulturelle Kompetenz versuche er nun, gemeinsam mit der Hamburger Polizei Konzepte zu entwickeln, die solche Fehlentwicklungen ausschließen.

Was für die Polizeiarbeit gilt, gilt auch für den Alltag. Für den Umgang miteinander. „Wir sind aufgefordert, den Flüchtlingen unsere Werte zu vermitteln, “ so Köpke, „das kann man auch als Chance sehen, dass wir uns unserer Werte wieder bewusst werden.“ In Ahrensburg funktioniere dies im Vergleich zu vielen anderen Städten sehr gut, urteilte Köpke mit Blick auf den Freundeskreis für Flüchtlinge und das Netzwerk Migration und Integration, die ebenfalls als Veranstalter an diesem Abends dabei waren. „Auch“, betonte es Köpke, der selber Ahrensburger ist, „weil zum Beispiel jemand wie Hans-Peter Weiß, der langjährige Vorsitzende des Netzwerkes für Migration und Integration, seit langem Vorarbeiten für die Situation von heute geleistet hat und in Ahrensburg den Boden für eine funktionierende Integration bereitet hat.“

Und damit kam Köpke auf den Kern seiner Botschaft: „In Europa gilt der Rechtsstaat und die Gewaltenteilung. Eine unglaubliche kostbare Errungenschaft unserer Gesellschaft, auf der unser Grundgesetz überhaupt erst aufbaut. Wir legen unsere Sicherheit und Freiheit in die Hände des Staates.“ Diese Rechtsstaatlichkeit mit ihrem Kontrollmechanismus in der Gewaltenteilung sei jenseits Europas nur selten zu finden.

„Dass und wie so etwas geht, müssen wir vielen erst einmal erklären“, betonte Köpke. Doch dafür müssten wir uns dieser Werte selber auch bewusst sein, Köpke nannte das Ergebnis einer Umfrage: „Erstaunlicher Weise steht für viele Menschen an erster Stelle der Werte, die vermittelt werden sollten, die Mülltrennung.“

 

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