24-Stunden-Musicals begeistert Publikum: Musiktheater voller Leben, Lieben und Lachen

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Ahrensburg (ve). Haben Sie schon einmal einen Musical-Star gesehen, der ohne eine einzige Textzeile und ohne einen einzige Song auskommt? Das Publikum der 24-Stunden-Musicals ja.

24-Stunden-Musicals in Ahrensburg: Szenenbild aus "Netzwerker" von Wolfgang Adenberg -Eric ist watching you - und noch viel mehr ... Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

24-Stunden-Musicals in Ahrensburg: Szenenbild aus „Netzwerker“ von Wolfgang Adenberg -Eric ist watching you – und noch viel mehr …
Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Eric war dieser Star. Naja, nicht ganz Eric Snowden, aber halb. Autor Wolfgang Adenberg steckte in „Netzwerker“ Darsteller Eric Minsk hinter einen Laptop des modernen Überwachungsstaates, gab ihm die Macht über (fast) alle Handys im Saal und vor allem die Macht über seine Mimik. Und was Eric aus seinem Gesicht vor allem unter Dauerfeuer seiner Chefin (Janne Marie Peters) rausholte, wie er jedem Haar seiner Augenbraue eine eigene Rolle zuwies, war schlicht zum Brüllen. Eine Traumbesetzung in einer Traumfigur auf Basis eines Traum-Castings.

24-Stunden-Musicals in Ahrensburg – voller Humor

Aber das war nicht der einzige Brüller und dieser selten so humorig erlebten Musical-Show. Partner auf der Bühne von Eric war nicht nur eine Janne Marie Peters, die in etwa 30 Zentimeter hohen Stilettos ihr ganzes Temperament und ihre leichtfertig-kunstvolle Spielfreude auf die Bühne brachte. Sondern auch Roberta Valentini und Kristofer Weinstein-Storey. Nur eben eine Souffleuse war nicht dabei. Und als Kristofer Weinstein-Storey den Text vergaß, zog er einfach aus seiner Gesäßtasche sein nicht wirklich verstecktes Textbuch, schlug es auf, verpasste dadurch seinen Einsatz und sang halt in dem Moment, wo er die Textzeile gefunden hatte. Nicht nur der Saal brüllte vor Lachen, sondern er selber auch. Ein nur ansatzweise entschuldigender Blick ins Publikum folgte. Das sind Momente, die Musicals kostbar machen und 24 Stunden-Musicals unersetzbar.

Dass in diesem Muscial die US-Präsidentschafts-Kandidaten Donald Trump und Hillary Clinton vorkamen, die NSA – „ist ok“, wie Chefin Peters singt – sowie die Mafia und gerade dadurch Klischees, die auch ein bisschen Selbstkritik an dem modernen Vernetzungs-Wahn Platz gaben, machte den „Netzwerker“ zu dem tiefsinnigsten Musical an diesem Abend. Die Liebe war Thema in den anderen drei Musicals – wie kann es anders sein. Allerdings nicht verschüchtert und zart angedeutet, sondern mit vollem Körpereinsatz auf der Bühne. Da war der eine oder andere Orgasmus fällig.

24-Stunden-Musicals in Ahrensburg: Szenenbild aus "Der Richtige" von Tilman von Blomberg mit Navina Heyne und Vinicius Gomes. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

24-Stunden-Musicals in Ahrensburg: Szenenbild aus „Der Richtige“ von Tilman von Blomberg mit Navina Heyne und Vinicius Gomes.
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Und genau das ist die Kunst. Zum Beispiel in „Der Richtige“. Wie stelle ich einen Stricher da, ohne vulgär zu sein? Vinicius Gomes hat den Körper dafür – erneut ein geschickter Schachzug des Castings. Und er hatte die Stimme dazu. Denn Komponist Jon Mortimer verpasste ihm bei seiner Arbeit als Stricher mit Partnerin Navina Heyne im entscheidenden Moment mit einen lange gehaltenen Ton – das muss man in dieser Pose erst einmal schaffen, ohne zu Quieken. Oder Alice Hanimyan in „Welcome to the club“. Als Patricia gab sie sich rittlings auf Martin Planz der mehr aggressiven Lust hin – mit vollem Körpereinsatz und wahrscheinlich dem ein oder anderen blauen Fleck auf dem Becken vom Planz. Doch beide Szenen kam so schwungvoll und mitreißend rüber, dass das Publikum am Ende johlte – und Planz und Heyne wahrscheinlich auch.

Überhaupt die Komponisten. Die nahmen in diesem Jahr kaum Rücksicht. Jon Mortimer scheuchte in „Der Richtige“ sein Quartett durch modulierte Harmonien, das es eine wahre Freude war – innerhalb von wenigen Stunden aber hörbar schwer einzustudieren. Patricia Martin baute unter die Reim-Meisterschaft von Alexander Kuchinka in „Der Märchenprinz 3.0“ knackige Rythmen und vierstimmigen Chorsatz in die Hochzeitssuite, da muss die Feinabstimmung im Gehör auf die Stuhlkante. Passte so gerade eben.

24-Stunden-Musicals in Ahrensburg: Szenenbild aus "Welcome to the Club" von Kristina Faust mit Martin Planz und Alex Avenell Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

24-Stunden-Musicals in Ahrensburg: Szenenbild aus „Welcome to the Club“ von Kristina Faust mit Martin Planz und Alex Avenell.
Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Planz und seine Mitstreiter im Quartett hatten eigentlich am wohl schwersten – denn ihre Story blieb irgendwie im Verborgenen. Spielerisch gaben die Vier alles, drängten durch Tango und Liebeslied. Aber der Inhalt dieses Musicals „Welcome to the club“ von Kristina Faust war schwer zu entziffern. Der Club erinnerte an ein das Wartezimmer des Arbeitsamtes oder der Kfz-Zulassungsstelle Dank der Requisite Alex Avenell. Aber warum? Fragen blieben am Ende, die die Spielfreude der Darsteller nicht aus dem Weg räumen konnten.

Rund 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor und hinter der Bühne waren bei diesen 24-Stunden-Musicals dabei. Sie haben komponiert und gedichtet, gelernt, getanzt und geprobt bis wenige Minuten vor den Aufführungen. Produzent Hauke Wendt und Initiatorin Jacqui Dunnley-Wendt hielten das alles zusammen, „ich habe heute bis 18 Uhr noch schnell das Programmheft zusammen gezimmert“, verweist Hauke Wendt auf ein Beispiel der umfassenden Aufgaben rund um dieser Produktion. Licht und Ton müssen hinterher, auch ohne lange Proben. Techniker Sven Runge: „Das Licht kann man noch ein bisschen proben am Nachmittag, aber der Ton? Mal sprechen die Darsteller aus dem Off, mal auf der Bühne – und dann muss das Mikrophon an sein. Oder eben auch mal aus. Dabei nützt es mir nicht unbedingt etwas, wenn ich in das Textbuch schaue – die Darsteller bringen ja nicht immer alle Stichworte… Am Ende reagiere ich auf das, was ich auf der Bühne sehe – und so macht das Arbeiten einfach Spaß!“

24-Stunden-Musicals in Ahrensburg: Axel Fricke, Vorsitzender des Freundeskreises für Flüchtlinge, bedankt sich dafür, dass die Show zugunsten des Vereins veranstaltet wird. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

24-Stunden-Musicals in Ahrensburg: Axel Fricke, Vorsitzender des Freundeskreises für Flüchtlinge, bedankt sich dafür, dass die Show zugunsten des Vereins veranstaltet wird.
Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Und wieder entstehen zum Beispiel mit „Der Richtige“ oder „Der Prinz“ Kleinode der Musical-Komposition, inhaltlich war der „Netzwerker“ deutlich amüsant-tiefsinnig-selbstkritisch. Und diese Produktion gibt Darstellern Spielraum. Nicht nur Eric. Wenn Charlotte Heinke als Tochter und Zofe Amalie in „Märchenprinz 3.0“ den Prinzen umgarnt, kokett ungeniert auf ihre (in diesem Fall versteckten) Spickzettel schaut und trotzdem immer genau weiß, wie sie was wann darzustellen hat, macht es einfach nur Spaß. Auch Janne Marie Peters und Eric Minsk gelingt dies durchgehend.

Doch dann, nach den Aufführungen, ist alle vorbei. Keine Spielzeit, keine Wiederholung, die Premiere ist der Abschied, die 24 Stunden sind um.

24-Stunden-Musicals in Ahrensburg: Das Ensemble 2016. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

24-Stunden-Musicals in Ahrensburg: Das Ensemble 2016.
Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Allerdings etwas bleibt: Die 24-Stunden-Musicals sind eine Benefiz-Veranstaltung. Die Künstlerinnen und Künstler arbeiten ohne Gage. Der Erlös der Veranstaltung, die auch in diesem Jahr unter der Schirmherrschaft von Bürgermeister Michael Sarach gestanden hat, kommt erneut dem Freundeskreis für Flüchtlinge in Ahrensburg zugute. Axel Fricke, Vorsitzender des Vereins, dankte auf der Bühne dem Publikum im gut gefüllten aber nicht ausverkauftem Saal. Dankte einem Publikum, das zum Schluss begeistert und mit Standing Ovations dem Ensemble applaudierte. Diesem Ensemble, dass auch in dieser Inszenierung wieder etwas ganz Besonderes bewiesen hat: Musical geht ohne jahrelange Vorbereitung, Musical geht, wenn man sich einfach auf die Künstler verlässt, Musical geht, wenn die Künstler sich einfach auf sich selber verlassen. Wenn sie ob ihres vergessenen Textes halb entschuldigend von der Bühne ins Publikum schauen dürfen – dann lebt Musical. Für 24 Stunden.

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