Heinz Rudolf Kunze im Marstall: Mitdenken und die Sprache genießen

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Ahrensburg (ve). Nein, brachial war Heinz Rudolf Kunze nicht. Aber wer sich einen leicht- unterhaltsamen Abend mit dem Sänger und Buchautor erhofft hatte, war gestern im Marstall definitiv am falschen Platz.

Heinz Rudolf Kunze las aus "Schwebealken. Tagebuchtage" im Ahrensburger Marstall. Foto:ahrensburg24.de

Heinz Rudolf Kunze las aus „Schwebealken. Tagebuchtage“ im Ahrensburger Marstall.
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Wenn Heinz Rudolf Kunze auf der Bühne ist, hat das Publikum zu denken. Denn wer nicht zuhört und mitdenkt, hat schon verloren. In dem mit 240 Gästen sehr gut besuchten Marstall hat der Autor des Buches „Schwebebalken. Tagebuchtage“ seiner Lust gefrönt – eben der Lust an der Sprache und am Denken.

Von der Sprache hatte Kunze so einiges mitgebracht. Säckeweise – darf man wohl sagen – schüttet er die Worte auf sein Publikum aus, gönnte keine Pause einer Ankündigung, Erklärung, nicht einmal für ein „Guten Abend – ich lese heut aus …“ war Zeit. Schließlich haben die geneigten Fans ihre Hausaufgaben gemacht und wissen, was da kommen wird. Rein in die ersten Zettel – Kunze liest aus einer Lose-Blatt-Sammlung – und los geht der Leseabend mit locker gestreute Geschichtchen, Gedichtchen, mit Klugem, Albernem, Deutlichem, Verworrenem und Überdeutlichem.

Selbiges lässt sich nicht auf einen Nenner denn auf den Nenner Kunze bringen. Da wird mal eben kurz eine Parallele zwischen dem Wolf im Märchen und den politisch sehr Rechten gezogen. Beide fressen einen, beide begegnen einem vorher mit großer Freundlichkeit – nur „Kreide fressen müssen die Wölfe heute nicht mehr“. Aktueller kann es kaum sein in Zeiten einer Höcke-Krise. Oder: Minutenlang ergötzt sich Kunze an den aberwitzigsten Schimpfworten, entwickelt neue, vermischt alte. Am Ende wird klar, er beschreibt schlicht, wie er die Menschen sieht. Die Ach-so-Gutmenschen, die das Land und die Zeit prägen. „Ich mag doch die Menschen, man müsste mir mal nur einen zeigen“, wird er an anderer Stelle dazu sagen.

Heinz Rudolf Kunze und Carsten Klatte im Ahrensburger Marstall. Foto:ahrensburg24.de

Heinz Rudolf Kunze und Carsten Klatte im Ahrensburger Marstall.
Foto:ahrensburg24.de

Von Skurrilem weiß er zu berichten, von alleinerziehenden Eidechsen, alten Kellnern mit fürsorgenden Gästen, einem Mann am Ende einer Karpfenangel und dem besten Torhüter der Welt – in der Frauenmannschaft. Er legt mal schnell den Unterschied zwischen ‚Sinn‘ und ‚Zweck‘ fest und weiß auch, was die Regierung so quält: Dass das Ross, auf dem sie als Reiter sitzt – eben das Volk -, sich so wenig an der Kandarre führen lässt. „Das Volk ist ein Monster“, sagt Kunze, und vor allem: „Dumm. Ich fordere ein Wahlrecht ab 30.“ Nur – die Regierung ist auch nicht besser: „Ihr wisst nichts, ihr arroganten Ignoranten.“

Und die Fans sitzen ihm gegenüber, die Fans, die mit Kunze verloren gegangene Illusionen teilen, in ihrer Lebenswirklichkeit dem Zweifel Platz lassen, zurückblicken in der Erkenntnis, dass irgendwie doch nicht so viel besser geworden ist. Sie nicken und lachen, sie applaudieren und stutzen, sie stolpern über Worte und vermeindliche Wahrheiten. Dann kommt ein Gedicht über einen Kaiser, der vom Dichter das Dichten lernen möchte, und alles entspannt sich wieder – zumindest bis zur Hinrichtung des Dichters.

Kurze Denkpausen gibt es, wenn Carsten Klatte in die Gitarrensaiten greift. Der Gitarrist spielt Stücke seines Albums „Jazzuism“. Aber das sind keine Verschnaufpausen, denn die Musik von Klatte dringt harmonisch-eindrucksvoll in den Saal und fordert den geneigten Zuhörer.

Gitarre spielen kann Heinz Rudolf Kunze auch. Der Einfachheit halber macht er es gleich hinter dem Lesetisch sitzend, auch wenn das etwas ungewöhnlich aussieht. Denn zum Ende es Abends legen Kunze und Klatte los und peitschten durch Songs des Musikers Kunze. Was eigentlich als Zugabe gedacht war, wurde zu zahlreichen Zugaben und einem eigenen Programmpunkt. Für ein Publikum, das jetzt richtig auftaute, applaudierte, mitsang und einfach mitgerissen war in eine Musikwelt, die so manchem aus eigenem Erleben noch in guter Erinnerung ist. Darf man wohl sagen, denn schließlich ist Kunze schon seit den 80er Jahren auf der Bühne.

Ein Lese-Abend mit Kunze ist ein Abend mit Spaßfaktor und Gehirnakrobatik, der Künstler serviert dies nonchalant und unaufgeregt. Er weiß um sein Können und schafft es, den feinen Grad zwischen Nähe zu seinem Gästen und Distanz zum Publikum zu treffen. Damit hatte er die Ahrensburger voll auf seiner Seite.

Etwas unkonventionell: Heinz Rudolf Kunze bei seiner Lesung, die zum Konzert wurde, im Ahrensburger Marstall. Foto:ahrensburg24.de

Etwas unkonventionell: Heinz Rudolf Kunze bei seiner Lesung, die zum Konzert wurde, im Ahrensburger Marstall.
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