Lärmschutzwände der Deutschen Bahn: „Gefahr“ für die Innenstadt und schwer zu verhindern

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Ahrensburg (ve). Und noch ein Thema spaltet die Stadt: die sechs Meter hohen Lärmschutzwände, geplant von der Deutschen Bahn. Nicht nur physisch als Wände durch die Stadt, sondern auch inhaltlich.

Neue Lärmschutzwände entlang der zukünftig ausgebauten Bahnstrecke auf Ahrensburger Stadtgebiet: Die Stadtverwaltung hat digitale Vorschauen gefertigt. Im Bild der Bereich in der Manhagener Allee. Grafik/Montage:Stadtverwaltung Ahrensburg

Neue Lärmschutzwände entlang der zukünftig ausgebauten Bahnstrecke auf Ahrensburger Stadtgebiet: Die Stadtverwaltung hat digitale Vorschauen gefertigt. Im Bild der Bereich in der Manhagener Allee.
Grafik/Montage:Stadtverwaltung Ahrensburg

Die bis zu sechs Meter hohe Lärmschutzwände muss die Deutsche Bahn entlang der Gleise durch das Stadtgebiet errichten, sobald das neue Gleis für die S-Bahnlinie S4 gebaut wird. Denn nach einer neuen Lärmschutzverordnung sollen Bürgerinnen und Bürger bei Veränderungen an Bahnstrecken vor Lärm geschützt werden.

Doch da die Wände sich wie eine Mauer durch das gesamte Stadtgebiet ziehen werden, steht ihr Bau in der Kritik. Ob ihre Errichtung abgewendet werden kann und was die Stadt dafür tun müsste, sollte durch Gutachter geklärt werden. Auf einer gemeinsamen Sitzung des Bau – und Planungsausschusses und des Umweltausschusses wurden diese Gutachten nun vorgestellt.

So berichtete ahrensburg24.de: „Lärmschutzwände in Ahrensburg: Wie können sie verhindert werden?

Der Diplom-Physiker Frank Dittmar von der ted GmbH sollte untersuchen, ob es andere Wege des Lärmschutztes gebe. Ja, gibt es, ließ er die Ausschüsse wissen. In Frage kämen niedrige Lärmschutzwände direkt an den Gleisen, Schienenstegdämpfer und das so genannte „besonders überwacht Gleis“ (büG), das öfter als allgemein üblich speziell abgeschliffen wird.

Neue Lärmschutzwände entlang der zukünftig ausgebauten Bahnstrecke auf Ahrensburger Stadtgebiet: Die Stadtverwaltung hat digitale Vorschauen gefertigt. Im Bild der Bahnhofsbereich an der Ladestraße mit sechs Meter hohen Wänden. Grafik/Montage:Stadtverwaltung Ahrensburg

Neue Lärmschutzwände entlang der zukünftig ausgebauten Bahnstrecke auf Ahrensburger Stadtgebiet: Die Stadtverwaltung hat digitale Vorschauen gefertigt. Im Bild der Bahnhofsbereich an der Ladestraße mit sechs Meter hohen Wänden.
Grafik/Montage:Stadtverwaltung Ahrensburg

Lärmschutz als eine Frage der Technik: Nur begrenzt andere Möglichkeiten

Gleichzeitig ging Dittmar davon aus, dass die Lärmschutzwände entlang einer Strecke von 400 Metern durch die Innenstadt nicht gebaut wird, um die Sichtachsen und das Stadtbild insgesamt nicht zu beeinträchtigen.

Physkalisch hat Dittmar dann die Effekte berechnet und ermittelt, dass die Alternativen zwar den Schall mindern, aber weit weitem nicht so umfassend wirken wie die Lärmschutzwände. Bedeutet: Reichlich Lärm in der Ahrensburger Innenstadt sowie gegebenenfalls Klagen betroffener Anwohner, der Schutzfälle, gegen die Deutsche Bahn.

Lücken in den Lärmschutzwänden könnten zwar eingeplant werden, müssten aber, um den Knall bei der Durchfahrt eines Zuges zu verhindern, über eine lange Strecke durch Absenkungen eingeleitet werden.

Auch transparente Lärmschutzwände kamen zur Sprache. Sie seien zwar möglich, aber nach Aussage von Bauamtsleiter Peter Kania kritisch zu bewerten, da sie zum einen die Sichtachsen nicht wirklich freigeben und damit das Kernproblem nicht lösen und zum anderen schnell und stark verschmutzten – also auch unansehnlich werden.

Fazit: Technisch ist der Schutz der Ahrensburger vor dem Lärm der Bahn ein großes Problem – zumindest ohne Lärmschutzwände.

Handel in der Innenstadt: In seiner Stuktur gefährdet

Was aber würden die Wände für die Stadt bedeuten? Ein Gutachten des Einzelhandels wurde beauftragt, umgesetzt von der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung mbH, Raimund Ellrott trug es im Ausschuss vor. 30 Einzelhändler seien befragt worden. Und zumindest in Richtung der Gleise in der Hagener Allee und der Manhagener Allee würden die Bedingungen für Handel stark erschwert. „Es sind schon jetzt schwierige Lagen, wie die nennenswerten Leerstände zeigen“, so Ellrott. Zudem sei die Struktur der kleinen Geschäfte, kennzeichnend für die Manhagener und die Hagener Allee, anfällig.

Die Lärmschutzwände würden einige der Händler dort sofort veranlassen, ihr Geschäft aufzugeben, habe die Umfrage ergeben, andere Händler blieben zumindest kritisch. Mittelfristig aber würden diese Bereiche an Attraktivität verlieren. Ellrott: „Sie geraten in die Spirale des Frequenzrückganges, Umsatzrückganges und schließlich sinkender Preise.“ Die Lärmschutzwände würden Ahrensburgs Innenstadt damit in ihrer Struktur bedrohen. „Dem müssen sie vorbeugen, denn es geht um den Erhalt ihrer Innenstadt, nicht um die Stabilisierung“, fand er dramatische Worte.

Im Ausschuss wurde Kritik an dem Gutachten geäußert. Claudia Rathje von der CDU bezweifelte, dass repräsentative Aussagen auf der Basis von 30 Befragten hätten ermittelt werden können. Zum einen, da nicht zu positiven Effekten der Lärmschutzwände gefragt wurde, „vielleicht finden ja auch einige den Lärmschutz gut“, so Rathje. Außerdem monierte sie, dass keine branchenspezifischen Daten benannt wurden: „Vielleicht stören einen Einzelhändler, der tagsüber sein Geschäft geöffnet hat, die Wände weniger. Gastronomen, die abends geöffnet haben, sind vielleicht stärker betroffen, da die Frequenz der Züge vornehmlich nachts steigen wird.“ Dirk Langbehn von Bündnis 90/Die Grünen sprach sich dafür aus, auch die Käufer zu fragen, ob die Lärmschutzwände ihr Kaufverhalten verändern würde.

Neue Lärmschutzwände entlang der zukünftig ausgebauten Bahnstrecke auf Ahrensburger Stadtgebiet: Die Stadtverwaltung hat digitale Vorschauen gefertigt. Im Bild der Bereich des Bahnhofes. Grafik/Montage:Stadtverwaltung Ahrensburg

Neue Lärmschutzwände entlang der zukünftig ausgebauten Bahnstrecke auf Ahrensburger Stadtgebiet: Die Stadtverwaltung hat digitale Vorschauen gefertigt. Im Bild der Bereich des Bahnhofes.
Grafik/Montage:Stadtverwaltung Ahrensburg

Lärmschutzwände: Welche Rechte hat die Stadt Ahrensburg?

Bleibt die Frage, ob eine Beeinflussung der Baumaßnahme rechtlich überhaupt möglich ist. „Ja“, kam dazu die klare Antwort von Rechtsanwalt Dr. Bernd H. Uhlenhut von BSU Legal, da die Deutsche Bahn offensichtlich keine ausreichende Abwägung vorgenommen habe. Uhlenhut: „Bei der Entscheidung für die Lärmschutzwände ging es der Bahn um den Lärmschutz – und um sonst nichts anderes.“ Es gebe aber durchaus Belange der Stadt Ahrensburg, die im Rahmen eine Abwägung betrachtet werden müssten. Darauf müsse die Stadt im Verfahren durch Einwendungen drängen.

Betroffen sei zum Beispiel das Selbstgestaltungsrecht der Stadt und der Schutz des Ortsbildes. Entscheidend könne die historisch gewachsene Struktur der Stadt sein, Uhlenhut: „Wenn es einer Stadt über Jahrhunderte gelingt – wie in Ahrensburg – geschehen -, die Sichtachsen eines barocken Städtebaus zu erhalten, dann ist das relevant. Die Bahn müsste dies bei ihren Planungen berücksichtigen. Die Sichtachsen gehören in die Abwägung.“

Im Weiteren gehörten in die Abwägung die Auswirkung auf die Wirtschaftsstruktur, die Entstehung von schattigen Räumen oder „Angsträumen“ bis hin zu einer verminderten Kontrolle von Räumen hinter den Wänden – was die Gefahr von Kriminalität beinhalte -, sowie die Frage, ob Feuerwehr und Katastrophenschutz in ihrer Arbeit beeinträchtigt werden würden.

Lärmschutzwände: Wer will sie verhindern?

Bringt die Stadt rechtzeitig diese Einwendungen in das Verfahren ein, müsse die Deutsche Bahn sich erneut mit der Planung zu den Lärmschutzwünden befassen. Ob etwas anderes möglich ist und ob die Bahn dies umsetzen kann – dies würde wieder zum Gutachten von Dittmar führen.

Anmerkungen im Ausschuss zum Beispiel von Claudia Rathje ließen deutlich werden, dass im Betracht der Politiker der Schutz vor Lärm auch im Fokus steht und die Wände nicht komplett abgelehnt werden. Damit steht neben der Frage, wie die Wände verhindert werden könnte, auch irgendwann die Frage auf der Tagesordnung, ob sie überhaupt verhindert werden sollten.

Übrigens kann jeder sich an der Diskussion beteiligen: Auf der nächsten Einwohnerversammlung am Dienstag, 26. September 2017, steht das Thema Lärmschutz der Deutschen Bahn neben dem Thema Flächennutzungsoplan auf der Tagesordnung.

So berichtete ahrensburg24.de: „Ausbau der Regionalbahnstrecke: „Horrorbilder“ der Lärmschutzwände

Neue Lärmschutzwände entlang der zukünftig ausgebauten Bahnstrecke auf Ahrensburger Stadtgebiet: Die Stadtverwaltung hat digitale Vorschauen gefertigt. Im Bild der Blick stadteinwärts Richtung Hagener Allee. Grafik/Montage:Stadtverwaltung Ahrensburg

Neue Lärmschutzwände entlang der zukünftig ausgebauten Bahnstrecke auf Ahrensburger Stadtgebiet: Die Stadtverwaltung hat digitale Vorschauen gefertigt. Im Bild der Blick stadteinwärts Richtung Hagener Allee.
Grafik/Montage:Stadtverwaltung Ahrensburg

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3 Kommentare

  1. Guten Morgen,
    unser Problem als Anlieger ist, dass unsere Verwaltung bis heute nicht sagen kann, welches Grundstück wie stark betroffen ist! Am 20.April 2017 teilte man mir mit, dass die Deutsche Bahn das entsprechende Schallgutachten der Stadt Ahrensburg noch nicht zur Verfügung stellen darf.
    Zur Zeit sind unsere Gärten zur Erholung noch benutzbar. Sollte sich dieses in Zukunft durch den Lärm des Güterverkehrs der Europatrasse und der S4 verschlechtern ziehen wir natürlich 6 m hohe Lärmschutzwände vor.
    Mit freundlichen Grüßen
    Jürgen Plage

  2. Entschuldigung. Ich sehe hier keinen „Hype“. Wenn Sie Lüneburg als Beispiel wählen. Ein Ort, der es geschafft hat, seinen historischen Kern zu bewahren. Das ist unter Federführung eines unsäglichen Bauamtsleiters seit Mitte der 70er Jahren in Ahrensburg gerade nicht gelungen. Die Großmannssucht und Fantasien haben dann so ziemlich jedes historische Gebäude entlang der Großen Strasse in Schutt gelegt. Einzig das Rondeel ist noch übrig. Die Argumente unserer Stadtverordneten klingen authentisch, zeigen aber das Kernproblem dieser Stadt. Ich beschäftige mich seit 15 Jahren journalistisch mit den Veränderungen im Handel. Wenn Ahrensburg jetzt nicht aufwacht und etwas unternimmt, steht in 5-6 Jahren die Innenstadt komplett leer. Die „Gastronomiebetriebe“, die Lärmschutz am Abend begrüßen würden, muss man mir dort im Viertel erst einmal zeigen. Und denken sollte man vielleicht auch mal an die Anwohner auf der anderen Seite. Da ist gerade auf der Seite der Manhagener Allee viel Geld in die Bewahrung historischer Villen gesteckt worden. Die Menschen dort freuen sich bestimmt, wenn sie auf diese Wälle schauen, die dann den Eindruck einer Mauer wie in Berlin vermitteln. Wir reden von monströsen Bauten, die binnen kürzester Zeit unansehnlich und verschmiert sein werden. Anschauen darf man sich das ja heute schon, wenn man die Ahrensburger Str. Richtung Wandsbek fährt und sich die Bebauung in Tonndorf ansieht.

  3. Gertrud Tammena on

    Mir stellt sich die Frage, ob es denn nicht möglich ist, die Lärmschutzwände mittels Rankpflanzen zu begrünen wie z.B. sehr hübsch an den Lärmschutzwänden der Autobahn südlich von Lübeck. Auch teile ich den postbarocken Hype um die „Schimmelmann`schen Sichtachsen“ überhaupt nicht und halte ihn für gesteuert. Desweiteren empfinde ich den Park- und Autoverkehr in den Einkaufsstrassen ebenso störend, belästigend und unnötig. Eine Untersuchung hat kürzlich ergeben, dass der Wohlfühlfaktor von Innenstädten wie in Lüneburg und Hannover durch fußgängerfreundliche Wege und Freiflächen (=autofreie Fußgängerzonen) sehr hoch zu bewerten ist. Das Auto als Nahkauftransportmittel zu hofieren und gleichzeitig Lärmschutzwände abzulehnen, das erscheint mir als Umweltbelastung und Kostenfaktor doch sehr fragwürdig.

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