Flächennutzungsplan in der Einwohnerversammlung: Ahrensburg will gar nicht wachsen, oder?

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Ahrensburg (ve). Bürgermeister Michael Sarach hat es zu „seinem Projekt“ gemacht, doch so richtig wollen die Entscheidungen zum neuen Flächennutzungsplan nicht voran kommen. Das hat auch die Debatte auf der Einwohnerversammlung gezeigt.

Einwohnerversammlung 2017 in Ahrensburg. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Einwohnerversammlung 2017 in Ahrensburg.
Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Im neuen Flächennutzungsplan sollen die Perspektiven für die Stadt Ahrensburg festgeschrieben werden. Mit dem Plan entscheiden die Stadtverordneten über Potenzialflächen im Stadtgebiet für Wohnraum, Gewerbe, Natur, Verkehr und mehr. Es ist ein Rahmenplan für die strategische und planungssichere Weiterentwicklung Ahrensburgs in den kommenden Dekaden.

Planung für das Stadtgebiet: Wo könnten in Zukunft neue Wohneinheiten entstehen?

So weit – so gut. Seit mehreren Jahren diskutieren die Politikerinnen und Politiker darüber, welche Potenzialflächen konkret benannt werden sollen – ohne zu einer Einigung zu kommen. Streitpunkt ist die Frage, wieviel, welchen und wenn ja wo Ahrensburg neuen Wohnraum bekommen soll.

Das war auch der Streitpunkt am Dienstag Abend im Alfred-Rust-Saal vor etwa 200 Gästen. Geleitet von Bürgervorsteher Roland Wilde entspann sich eine Debatte über die bisherigen Planungsvorschläge. Bauamtsleiter Peter Kania führte aus, dass Ahrensburg aufgrund der Landesplanung verpflichtet sei, bis zum Jahr 2030 im Durchschnitt jährlich 144 neue Wohneinheiten zu erstellen, Kania: „Und das ist nur für den Bedarf auf der Ahrensburger Bevölkerung selber berechnet.“ Und das Publikum führte in verschiedene Wortbeiträgen aus, dass es das nicht wolle.

144 Wohneinheiten pro Jahr bis 2030 sind auf Ahrensburger Stadtgebiet nur mit verdichteter Bebauung zu erstellen. Nachverdichtung auf großen Grundstücken – die so scheint es für die meisten Ahrensburger den verträglichsten Charme hätte – habe ein Potenzial von 30 Wohneinheiten pro Jahr. Also zu wenig. Doch freie Flächen gibt es wenig in der Stadt und noch weniger gibt es Flächen, mit deren Bebauung sich alle einverstanden erklären könnten.

Einwohnerversammlung 2017 in Ahrensburg. Jürgen Siemers, Vorsitzender des Bürger- und Grundeigentümerverein „Waldgut Hagen“, verdeutlicht die Position der südlichen Stadtteile. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Einwohnerversammlung 2017 in Ahrensburg. Jürgen Siemers, Vorsitzender des Bürger- und Grundeigentümerverein „Waldgut Hagen“, verdeutlicht die Position der südlichen Stadtteile.
Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Das sagt der Ahrensburger Süden

Der Süden Ahrensburgs hat auch gestern wie schon in Ausschüssen und einer Informationsveranstaltung mit Beiträgen von Jürgen Siemers, Vorsitzender des Bürger- und Grundeigentümerverein „Waldgut Hagen“, deutlich gemacht, dass eine Wohnraumbebauung in diesen Stadtteilen jenseits der Nachverdichtung auf großen Grundstücken mit den Anwohnern nicht zu machen ist. „Wir wollen das Landschafts- und Naturschutzgebiete im südlichen Ahrensburg (Ahrensfelde, Am Hagen, Waldgut Hagen) in ihren heutigen Grenzen als Bestandteil des ökologisch und archäologisch einzigartigen Ahrensburger Tunneltals erhalten“, so Siemers. Aus dem Plenum folgte im Laufe des Abends Aussagen dazu, dass die Landschaft in Ahrensburgs Süden erhalten bleiben soll und die Wertigkeit der Schutzgebiete nicht hinterfragt werden dürfe.

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Ein Ahrensburger schlug vor, den Stormarnplatz als Baugelände für Wohnraum mit in Erwägung zu ziehen und die Sportplätze zu verlagern. Doch diese Idee fand einen Dämpfer durch Bürgermeister Sarach: „Die Verwaltung hat verschiedene Grundstücke den Stadtverordneten vorgeschlagen, darunter auch den Stormarnplatz. Es hat sich gezeigt, dass es für eine Bebauung dieses Platzes keine politische Mehrheit geben wird.“

Grundsätzliche Kritik: Rechtliche Aspekte eines Flächennutzungsplanes

Doch im Grunde ging es auf der Einwohnerversammlung weniger um das „Wo“ neuer Wohnbebauung, als mehr um das „überhaupt“. Mit immer neuen Fragen versuchten die Ahrensburgerinnen und Ahrensburger heraus zu finden, warum überhaupt die Schlossstadt auf Wachstumskurs sein müsse. „Was passiert denn, wenn wir die Grundstücke im Flächennutzungsplan nicht festlegen?“ wurde mehrfach gefragt, oder gar die Grundsatzfrage: „Warum müssen wir überhaupt den Flächennutzungsplan neu aufstellen?“.

Zum einen sei die Erstellung neuen Wohnraums eine extistenzelle Frage für eine Stadt, versuchte Peter Kania zu überzeugen. Bleibe der Wachstum aus, bliebe auch die Verjüngung der Bevölkerung aus, sie würde im Umkehrschluss überaltern. Gleichzeitig stünde diesen älteren Menschen und nicht selten nach Verlust eines Lebenspartners allein stehenden Menschen kein anderer Wohnraum zur Verfügung. Sie müssten in vielen Fällen in ihren Einfamilienhäusern verbleiben, ein Missverhältnis zwischen Wohnraumbedarf und Wohnraumnutzung.

Und dann gibt es da noch das klassische Verhältnis von Angebot und Nachfrage – was knapp ist, wird teuer. Ist Wohnraum also ein knappes Gut in Ahrensburg, erhöhen sich die Grundstückspreise und die Mieten. Mit vor allem sozialen Folgen: Segregation und Verdrängung bestimmter Bevölkerungsanteile sei die Folge. Dies würde noch gefördert durch den an sich normalen Umstand, dass Bindungen von Wohnraum an soziale Förderung zeitlich begrenzt ist. Fallen Wohnungen aus der Bindung des sozialen Wohnungsbaus, müssen sie durch Neubauten ersetzt werden – oder es gibt irgendwann gar keinen sozialen Wohnraum mehr. Auch das führt zur Segregation.

Doch mit dieser Darstellung konnte der Bauamtsleiter den Saal nicht überzeugen. Die Frage nach den Folgen einer fehlenden Planungen zu neuen Baugenbiete blieb. Bürgermeister Sarach schließlich machte deutlich: „Der Schleswig-Holsteinische Innenminister hat mir gegenüber gerade wieder bekräftigt, das Landesplanung vor Kommunalplanung geht.“ In der Landesplanung sei Ahrensburg als Mittelzentrum für die Schaffung mindestens der oben genannten Wohneinheiten verpflichtet, so Sarach. „Wenn wir diese Flächen nicht benennen, ist der neue Flächennutzungsplan nicht genehmigungsfähig und verstößt damit gegen geltendes Recht.“ Am Ende könnte der Stadt Ahrensburg eine gerichtliche Auseinandersetzung mit der Landesregierung ins Haus stehen.

Die Frage bleibt: Wo oder wie soll Ahrensburg wachsen?

Ein wirklichen Schritt weiter hat die Einwohnversammlung nicht ergeben. In vielen Debatten haben Politiker aller Fraktionen darum gerungen, eine Einigung zur Neufassung des Flächennutzungsplanes zu erreichen. Und sie sind bis heute insbesondere an der Frage der Wohnraumbeschaffung gescheitert. Die Einwohnerversammlung hat gezeigt, dass auch zumindest zwischen den im Saal Anwesenden und der Verwaltung ein gemeinsamer Standpunkt kaum herzustellen ist. Ahrensburg soll nicht wachsen, mag eine kurzgefasste Formel und Konsens im Saal gewesen sein. In Konsequenz kam die Frage aus dem Saal, ob die Stadt überhaupt einen neuen Flächennutzungsplan bräuchte. „Naja“, so Sarach, „es ist doch das strategische Instrument der kommunalen Planung und wichtig für die Stadt.“

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Einwohnerversammlung 2017 in Ahrensburg. Bürgervorsteher Roland Wilde und Bürgermeister Michael Sarach (von links) auf dem Podium. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Einwohnerversammlung 2017 in Ahrensburg. Bürgervorsteher Roland Wilde und Bürgermeister Michael Sarach (von links) auf dem Podium.
Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Einwohnerversammlung 2017 in Ahrensburg. Auf dem Podium: Bauamtsleiter Peter Kania, Birgit Reuter von der Stadtverwaltung, Bürgervorsteher Roland Wilde, Bürgermeister Michael Sarach, Stadtjustiziar Thomas Reich und Referent Frank Dittmar (von links). Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Einwohnerversammlung 2017 in Ahrensburg. Auf dem Podium: Bauamtsleiter Peter Kania, Birgit Reuter von der Stadtverwaltung, Bürgervorsteher Roland Wilde, Bürgermeister Michael Sarach, Stadtjustiziar Thomas Reich und Referent Frank Dittmar (von links).
Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

 

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