Casanovas Comeback im Theater Hoisdorf: Galanterie mit Wucht/Prädikat: Empfehlenswert

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Großhansdorf (ve). Wie macht Ihr das bloß? Ihr holt Leute neu auf die Bühne und schon können sie Theater spielen?

Neue Inszenierung des Theater Hoisdorf: Szenenbild der Premiere von "Casanovas Comeback". Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Neue Inszenierung des Theater Hoisdorf: Szenenbild der Premiere von „Casanovas Comeback“. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

So geschehen bei der Premiere von „Casanovas Comeback“, der neuen Inszenierung des Theater Hoisdorfs. Die Darsteller der Hauptrollen mögen es verzeihen, wenn hier einmal mit einer Beschreibung der Nebenrollen begonnen wird – sie haben es verdient.

Eine dieser Nebenrolle ist die Mutter Fröhliche, in der Premiere gespielt von Annette Hentschel, die Rolle ist mit Dorle Krause doppelt besetzt. Und doch – es steht schwarz auf rosa im Programmheft, Annette Hentschel steht erstmals auf der Bühne. Aber was sie dort macht, ist schlichtweg bühnenreif.

Neue Inszenierung des Theater Hoisdorf: Szenenbild der Premiere von "Casanovas Comeback". Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Neue Inszenierung des Theater Hoisdorf: Szenenbild der Premiere von „Casanovas Comeback“.
Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Als herzensgute und liebende Ehefrau (nein, das ist jetzt nicht ernst gemeint) zieht sie ihren zaudernd-verzweifelten Gatten Elmar, trottelig-pantoffelig gespielt von Gerhard Lohse, hinter sich her wie ein Spielgerät. Wo andere dezent an das imaginäre Aquarium tupfen, haut sie in fröhlicher Dominanz voll drauf. Und natürlich ist es ganz normal, dass sie ihren Mann mit den Worten „Doch, Du musst jetzt mal“ wie einen Dreikäsehoch herumkommandiert.

Unsicherheit, Lampenfieber, eine abnehmende Spannungskurve in ihrem Spiel, wie es für einen Neuling normal wäre? Fehlanzeige. Ihre Sternstunde zeigt Mutter Fröhliche, als sie quasi in zweiter Reihe auf dem Sofa sitzend ihrem Mann eine Pille nach der anderen zuschustert, sich die Hände eincremt und all‘ die wichtigen Dinge einer überlasteten Ehefrau macht. Nein, in dieser Szene geht es überhaupt nicht um sie, alle Aufmerksamkeit liegt und bleibt bei Tochter Beate. Doch Annette Henschtel dort als zweite Geige im Orchesterklang zu sehen, ist ein Genuß.

Neue Inszenierung des Theater Hoisdorf: Szenenbild der Premiere von "Casanovas Comeback". Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Neue Inszenierung des Theater Hoisdorf: Szenenbild der Premiere von „Casanovas Comeback“. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Die zweite zweite Geige als Neuling spielt Sarah Flentje, sie ist Sabrina Süßrahm. Auch bei ihr keine Spur von Unsicherheit, Zaudern, einem vorsichtigen Beginn ihrer Theaterkarriere. Nein, wumms – steht sie auf der Bühne und zieht mit einem frivolen Lächeln alle Aufmerksamkeit auf sich.

Sie wickelt – und das wird wunderbar gespiegelt in den lechzenden Augen von Udo Fröhliche, gespielt von Timo Hilkenbach – bewaffnet mit engem Kostüm und tiefem Ausschnitt die Männer nicht nur um ihren Finger. Doch ist sie in dieser Rolle niemals flach (nein – das ist jetzt die falsche Assoziation), ihre Sabrina ist viel schlauer, wissender, freundlicher und kameradschaftlicher, als ihre Highheels vorzugeben scheinen.

Nicht zum ersten Mal auf der Bühne aber in einer Nebenrolle rauscht Katja Hilkenbach über die Bühne als Cecilie Dickmüller-Rübenfett. Sie liegt den Avancen von Martin Guras Casanova zu Füßen – und wie! Sie zittert und stöhnt in seiner Nähe wie Espenlaub, sie atmet schwer, nur ein Rest von Anstand hält sie davon ab, ihr plüschig-pink-trudeliges Kostüm (Lob nicht nur in diesem Fall an die Kostümschneiderin Dorle Krause) von sich zu werfen. Ihre Augen stehen denen von Ehemann Timo Hilkenbach nicht darin nach, vor lechzende Wolllust zu sprühen. Voller Körpereinsatz, der einfach zu Spaß macht!

Neue Inszenierung des Theater Hoisdorf: Szenenbild der Premiere von "Casanovas Comeback". Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Neue Inszenierung des Theater Hoisdorf: Szenenbild der Premiere von „Casanovas Comeback“. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Und dann wären da noch die Hauptrollen. Mareike Kachel ist in einer solchen zu sehen als leidende Ehefrau Beate Boring. Es ist ihre dritte Rolle beim Theater Hoisdorf – und es ist keine kleine Rolle! Aber Mareike Kachel spielt sie, als wäre es ein Klacks. Sie ist es, die auf und sogar noch hinter der Bühne im Off das Tempo anheizt, sie wirbelt, leidet, echauffiert sich und brüllt, dass ihre Stimmbänder am Ende des Abends schon fast eine leichte Schwäche zeigen. Macht nichts – Mareike Kachel will spielen und die Stimme hat nicht zu schwächeln! Note also: sehr gut.

Martin Gura ist ein alter Hase im Theater Hoisdorf und mit schweren Rolle wohlerprobt. Casanova ist kein schwerer Fall für ihn, sondern gelingt im nonchalant. Und mit Wucht. Wenn er in einer der besten Szenen des Abends (oje, es gibt ja aber keine schlechten Szenen, nur langsamere, wie soll man das bloß benennen …) seinen Chef Richard Steuerwald (Andreas Lüthje) um den homoerotischen Finger wickelt, ist das einfach nur schön. Fast jeder Mann im Saal wäre sofort mit dem großen Verführer der Frauen in die Gartenlaube gegangen, so viel ist sicher! Andreas Lüthje aber mit Muttis Seitenscheitel-Frisur, wunderbar unsicherem Blick und Pullunder-Mentalität ist ein Opfer dieses Doppelspiels, dem man die Bauchlandung lächelnd gönnt.

Neue Inszenierung des Theater Hoisdorf: Szenenbild der Premiere von "Casanovas Comeback". Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Neue Inszenierung des Theater Hoisdorf: Szenenbild der Premiere von „Casanovas Comeback“. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Dass dieses alles in einem schönen Bühnenbild und vor allem in wunderbaren Kostümen stattfindet, versteht sich beim Theater Hoisdorf eigentlich von selber.

Formulieren wir es einmal so: Diese Inszenierung lebt von ihrer feingliedrigen Parallelführung solistischer Leistungen in einem dicht verwobenen Gerüst aus Kompostionslinien, die sich explosionsartig zu einem intensiven Gesamtbild entladen. Soll heißen: Bei diesem Stück haben sie keine Langeweile!

Was kann das Theater Hoisdorf? Es kann die Mitglieder seines Ensembles derart motivieren und stärken, dass sie nicht nur großartig spielen, sondern jede einzelne Geste das Gesamtbild prägt, von ihm bestimmt, sich fügt, es ergänzt und trägt. So gilt für alle Darstellerinnen und Darsteller, die hier noch nicht benannt sind, dass sie ihren großen Anteil am Gesamtbild des Orchesterklanges haben. Dirigentin – also natürlich Regisseurin – Heike Meyer hat mit weitem Blick für das Ganze und mit vielen Details und Kleinigkeiten genau dieses Umfeld geschaffen, in dem sich die Einzelleistungen potenzieren.

Und natürlich: Das oben genannt imaginäre Aquarium in der vierten Wand des Theaters ist ein genialer Einfall für kleine Soloeinlagen. Und kaum ein Guppyschwarm war wohl jemals so begeistert von seinen Zuchtmeister, wie der – also das Publikum – bei der Premiere im Saal.

Heute Abend steht das Ensemble wieder um 20 Uhr auf der Bühne des Waldreitersaals. Weitere Aufführungstermine finden Sie unter https://ahrensburg24.de/2017/08/25/theater-hoisdorf-einmal-casanova-sein-und-andere-beruehmtheiten/.

Neue Inszenierung des Theater Hoisdorf: Szenenbild der Premiere von "Casanovas Comeback". Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Neue Inszenierung des Theater Hoisdorf: Szenenbild der Premiere von „Casanovas Comeback“. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

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