Gang des Erinnerns mit einem Blick auf das Heute

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Ahrensburg (ve). Bei dem diesjährigen Gang des Erinnerns sorgten die Veranstalter für ein breites Themenspektrum – das auch reichlich Zeit in Anspruch genommen hat.

Gang des Erinnerns 2017 in Ahrensburg, Abschlusskundgebung vor und im Rathaus. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Gang des Erinnerns 2017 in Ahrensburg, Abschlusskundgebung vor und im Rathaus.
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Der „Gang des Erinnerns“ ist auf Initiative des Runden Tischs Ahrensburg für Zivilcourage und Menschenrechte,
gegen Diskriminierung und Rechtsextremismus ins Leben gerufen worden. Er findet seit 2012 jedes Jahr am 9. November 2017 statt und soll an die Reichsprogromnacht und damit an den Rassismus und die menschenverachtenden Verbrechen der Nationalsozialisten erinnern. Und das ganz konkret: Denn der Gang des Erinnerns führt zu verschiedenen Stationen innerhalb Ahrensburgs, die mit tragischer Geschichte verbunden sind.

Die Teilnehmer kommen an Stationen zusammen, an denen an Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird. Stolpersteine – Steine im Gehweg, deren Inschrift an Opfer des Nationalsozialismus erinnern – gibt es in der Hagener Allee für Anneliese Oelte, in der Waldstraße für die Familie Dr. Hugo Rath und Veronika Rath und am Rondeel für Magnus Lehmann. Die letzte Station schließlich ist die Bodenintarsie „Engel der Kulturen“ am Rathaus Ahrensburg.

Hans-Peter Weiß, engagierter Gründer des Netzwerkes Migration und Integration, zog in einer umfassenden Rede auf dem Rondeel insbesondere aber einen Bezug zu heute: „Mit Bestürzung müssen wir leider feststellen, dass inzwischen rassistische Ausgrenzung von Zuwanderern und Vorurteile gegen religiöse Zugehörigkeiten so wie die Verharmlosung bis hin zur Rechtfertigung der nazistischen Geschichte und nazistischer Gedanken und Handlungen in unserer Gesellschaft wieder Verbreitung gefunden haben“, sagte er mit Blick auf die Integration von Flüchtlingen heute in Deutschland. Weiß: „Populistische, insbesondere die neuen rechtspopulistischen Bewegungen und Parteien bieten keine Antworten auf die Sorgen und Ängste der Menschen, sondern missbrauchen diese.“

Gang des Erinnerns 2017 in Ahrensburg, Abschlusskundgebung vor und im Rathaus. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Gang des Erinnerns 2017 in Ahrensburg, Abschlusskundgebung vor und im Rathaus.
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Wie heute mit Fremdenhass und Toleranz umgegangen werde müsse, schilderten Anke Ackermann und Birgit Kroemer-Meyn vom Freundeskreis für Flüchtlinge. Integration, so betonten sie, funktioniere nicht auf Knopfdruck: „Viele von den Geflüchteten bringen persönliche Probleme mit und müssen ihr eigenes Schickal erst einmal bewältigen. In der neuen Heimat können alte Traditionen und Sitten wenigsten einen Hauch von Sicherheit und Vertrautheit bieten.“ Integration könne daher nur mit „Toleranz, Offenheit und Wohlwollen“ gelingen.

Und doch setzten die Veranstalter einen weiteren, wichtigen Schwerpunkt: Sie gedachten nicht nur der jüdischen Opfer, sondern auch der politisch verfolgten Opfer. Drei Straßen in Ahrensburg sind nach SPD-Politikern benannt, die von den Nationalsozialisten verfolgt worden waren, zwei von ihnen kamen durch diese Verfolgung zu Tode. Es waren Gustav Delle, Otto Siege und Otto Schumann. Der SPD-Politiker und Ahrensburger Landtagsabgeordnete Tobias von Pein, selber politisch engagiert im Kampf gegen den Rechtsextremismus, informierte auf der Abschlussveranstaltung im Foyer des Rathauses in einem kurzen Vortrag über die Lebensgeschichte der drei.

Otto Siege war Gemeindevertreter für die SPD, ein Amt, dass ihm während der Zeit des Nationalsozialismus verboten war. Nach dem Krieg übertrugen ihm die britischen Besatzungtruppen zusammen mit Bruno Bröker, Alwin Roxin und August Rose die Aufgabe, die Verwaltung neu zu organisieren. Siege wurde dann stellvertretender Bürgermeister und er veranlasste bereits 1946 die Errichtung des Gedenksteines „Den Opfern der Diktatur 1933 – 1945“ auf dem Ahrensburger Friedhof.

Auch an die Lebensgeschichten von Otto Schumann und Gustav Delle, beide verstarben 1945, erinnerte Tobias von Pein in seinem Grußwort.

Gang des Erinnerns 2017 in Ahrensburg, Abschlusskundgebung vor und im Rathaus. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Gang des Erinnerns 2017 in Ahrensburg, Abschlusskundgebung vor und im Rathaus.
Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Bürgermeister Michael Sarach in seinem Grußwort: „Es ist an uns, dafür zu sorgen, dass der freiheitliche Rechtsstaat geschützt bleibt. Deswegen ist das Rathaus genau der richtige Ort für diese Abschlussveranstaltung zum Gang des Erinnerns.“

Über drei Stunden vorher hatte Bürgervervorsteher Roland Wilde gegen 16 Uhr den Start zum Gang des Erinnerns markiert: „Er ist so wichtig zum Gedenken der Greueltaten und des unendlichen Leids“.

Und eines darf dann doch noch gesagt werden: Dass der Gang des Erinnerns zu einer Veranstaltung mit einer Dauer von vier Stunden – davon drei Stunden in der November-Kälte draußen – wurde, hilft nicht. Für viele ist diese Zeitspanne schlichtweg zu lang. Der Aufmerksamkeit für die vielen Beiträge – es gab noch weitere zu verschiedenen Themen, die hier nicht benannt worden sind – ist das nicht zuträglich.

Themenbild Gang des Erinnerns. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Themenbild Gang des Erinnerns.
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