„Harold and Maude“ mit dem Theater Marstall: Leise Intensität

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Ahrensburg (ve). Sie gehen es vorsichtig an, das Theaterstück zum Kinofilm „Harold and Maude“. Und genau damit landet die Theatergruppe des Marstalls einen Volltreffer.

Szenenbild der Premiere: Die Inszenierung "Harold and Maude" der Theatergruppe des Marstalls. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Szenenbild der Premiere: Die Inszenierung „Harold and Maude“ der Theatergruppe des Marstalls. Ilse Stark und Nikolas Wiesner.
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„Harold and Maude“ ist eine intensive Geschichte um die Liebe, das Erwachsen werden, um Egozentrismus, Aufrichtigkeit, Schicksal und nicht zuletzt Lebenslust. So vielschichtig und reich ist der Inhalt, dass es eigentlich nur wenig Verpackung braucht. Und genauso haben es Regisseur Denis Strobel und das Ensemble umgesetzt.

Da ist zum einen das Tempo, also die Entschleunigung. Ruhig und mit Bedacht setzen die Darstellerinnen und Darsteller die Dialoge, spielen ihre Auftritte aus, gestalten lange Wege. Im Kontrast zur Hetze und Dichte der Welt draußen ist die Welt auf der Theaterbühne voller „Frei-Zeit“ und Frei-Raum.

Szenenbild der Premiere: Die Inszenierung "Harold and Maude" der Theatergruppe des Marstalls. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Szenenbild der Premiere: Die Inszenierung „Harold and Maude“ der Theatergruppe des Marstalls.
Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Die stringente Regie von Strobel setzt das Amateur-Ensemble bis in die kleinsten Rollen handwerklich sauber um. Auch das ist eine Größe der Inszenierung: Es ist keine Summe von Einzelleistungen, das Ensemble tritt als Gesamtkunstwerk auf die Bühne.

Und schließlich die Besetzung. Wobei: Ilse Stark spielt ihre Figur Maude eigentlich gar nicht, sie lebt diese Rolle. Sie werkelt und lacht, ermuntert und agiert, ist nie naiv, sondern immer wissend. Bei allen Widrigkeiten, die sich ihr entgegen stellen, zeigt sie stets den unaufgeregten Menschenfreund. Ilse Stark ist eine wunderbare Besetzung für diese Figur, ihr gelingt es, mit sparsamen Mittel eine intensive Botschaft zu verstärken.

Szenenbild der Premiere: Die Inszenierung "Harold and Maude" der Theatergruppe des Marstalls. Ilse Stark in der Rolle der Maude. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Szenenbild der Premiere: Die Inszenierung „Harold and Maude“ der Theatergruppe des Marstalls. Ilse Stark in der Rolle der Maude.
Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Nikolas Wiesner mimt den jungen Harold. Wiesner gelingt die schwierige Aufgabe, in dieses ruhige Setting einen chaotischen Geist zu platzieren. Er gönnt sich mehr Wirbel, mehr Lautstärke, Liebeslust und Verwirrtheit und zeigt doch Harold als einen Gehemmten. Er gibt ihm Momente der Erstarrung, macht ihn hilflos und hilfebedürftig. Sehenswert.

Szenenbild der Premiere: Die Inszenierung "Harold and Maude" der Theatergruppe des Marstalls. Nikolas Wiesner und Heike Gerken. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Szenenbild der Premiere: Die Inszenierung „Harold and Maude“ der Theatergruppe des Marstalls. Nikolas Wiesner und Heike Gerken.
Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Eine besondere Leistung vollbringt Heike Gerken in der Rolle von Mutter Mrs Chasen. Sie ist erst vor zwei Wochen in die Probenarbeit eingestiegen, nachdem die Originalbesetzung absagen musste. Klar spielt sie mit Textbuch, aber wen interessiert das? Sie wütet und zaudert, sie über-muttert und über-kümmert sich, sie frotzelt und feilscht mit potenziellen Schwiegertöchtern. Gerken spielt im Gegensatz zu ihren Kollegen nicht nach dem Prinzip der Entschleunigung. Und damit: Diese Über-Mutter ist über-zeichnet gerade im Kontrast zum Prinzip der Reduktion sehr stimmig.

Kleine Sternstunden haben Dagmar Thom als Psychiater Dr. Mathews und Anna Meyer-Selbach als Seehund Mugsy und Sunshine Dore. Das zerknauschte Gesicht von Dr. Methews im Dialog mit Harold wandelt die – wie kann es anders ein –  Aversion der Gesellschaft gegenüber Harolds Psyche in eine im Saal körperlich fühlbare Aversion. Beim Blick in das angewiderte Gesicht von Dr. Methews schüttelt es einen – vor der eigenen Aversion? Eine Hilfestellung hin zur Sympathie für den tragischen Helden.

Szenenbild der Premiere: Die Inszenierung "Harold and Maude" der Theatergruppe des Marstalls. Heike Gerken und Dagmar Thom (von links). Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Szenenbild der Premiere: Die Inszenierung „Harold and Maude“ der Theatergruppe des Marstalls. Heike Gerken und Dagmar Thom (von links).
Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Seehund Mugsy lebt von dem fröhlichen Blick und der tänzelnden Choreografie. Das bringt ein bisschen Leben auf die Bühne, das Anna Meyer-Selbach wohlbedacht setzt. Gut gemeint die – dann allerdings sehr kurze – Szene der Freilassung des Seehundes, die gerade so eben an der Grenze zum Kitsch vorbeischrammt. Sie wird vom Publikum als fröhliche Pause im Spiel um Leben und Tod angeregt aufgenommen. Als Sunshine Dore dann ist Anna Meyer-Selbach gelungen exaltiert, das macht einfach Spaß.

Das Ensemble setzt bei Harold and Maude nicht auf einen Spannungsbogen, sondern auf Zeit zum Begreifen. In ruhigen Bildern kommen Liebe und Tod daher, undramatisch, unaufgeregt, als Teil des Lebens. Das ist die Stärke dieser Inszenierung. Dem Ensemble geht es nicht um Effekte und große Bilder, nicht um Wucht und Power. Sie wollen sich vorsichtig und mit Bedacht die Emotionen ihrer Zuschauer rühren. Und treffen sie damit stärker, als so mancher laute Schrei.

Noch ein zweites Mal wird das Stück aufgeführt: Am Sonntag, 19. November 2017, um 15 Uhr im Marstall. Der Eintritt kostet an der Abendkasse 12 Euro, ermäßigt sechs Euro.

Szenenbild der Premiere: Die Inszenierung "Harold and Maude" der Theatergruppe des Marstalls. Ilse Stark und Nikolas Wiesner. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Szenenbild der Premiere: Die Inszenierung „Harold and Maude“ der Theatergruppe des Marstalls. Ilse Stark und Nikolas Wiesner.
Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

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