Disziplinargericht zum Missbrauch in Ahrensburg: Schuld des Pastors erwiesen

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Kiel/Hamburg/Ahrensburg (ve/pm). Urteil im Disziplinarverfahren gegen einen Ahrensburger Pastor: Schuldig – aber keine Entfernung aus dem Dienst.

Wie die Evangelisch-Lutherischen Kirche mitteilt, hat das Disziplinargericht der Nordkirche in Norddeutschland am Freitag, 15. Dezember 2017, die Klage des Landeskirchenamts der Nordkirche, einen Ruhestandspastor aus Ahrensburg aus dem Dienst zu entfernen, abgewiesen. Zugleich habe das Gericht ausdrücklich festgestellt, heißt es in der Mitteilung, dass der Pastor im Ruhestand mit diesem Urteil nicht rehabilitiert sei.

Mit seinem zunächst mündlich verkündeten Urteil habe das Gericht das Verfahren zugleich eingestellt. Es vertrat laut Mitteilung der Nordkirche die Rechtsauffassung, dass die einzig mögliche und zugleich höchstmögliche disziplinarrechtliche Sanktion einer Entfernung aus dem Dienst unter anderem angesichts der langen Dauer des Verfahrens „unverhältnismäßig“ gewesen wäre.

Disziplinargericht: Sexueller Missbrauch und dessen Vertuschung sei „erwiesen“

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der inzwischen 76-jährige Pastor vor rund 30 Jahren sexuelle Übergriffe gegenüber volljährigen Jugendlichen begangen hat. Als erwiesen sah das Gericht ebenso an, dass er vom sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch einen anderen Ahrensburger Pastor wusste, jedoch nichts tat, um diesen den zuständigen Stellen zu melden. Beides ist mit dem Amt eines Pastors und der damit verbundenen Verantwortung für die Menschen, die dem Amtsinhaber anvertraut sind, unvereinbar.

Landeskirchenamt: „Entfernung aus dem Dienst rechtlich begründen“

Das Landeskirchenamt der Nordkirche hatte auf Entfernung des Ruhestandspastors aus dem Dienst geklagt. Es sehe sich trotz des Urteils bestätigt, heißt es in der Mitteilung zu dem Urteil: Die Ergebnisse der umfangreichen Beweisaufnahme hätten gezeigt, dass es richtig war, die Disziplinarklage mit dem Ziel der Entfernung des Pastors aus dem Dienst anzustrengen. Dennoch müsse das Urteil „in dem mit großer Gründlichkeit geführten Verfahren“ akzeptiert werden, so die Nordkirche; Rechtsmittel dagegen sind nicht mehr zulässig.

Das Landeskirchenamt sei nach wie vor der Auffassung, dass die in der Beweisaufnahme deutlich gewordenen Amtspflichtverletzungen des Pastors seine Entfernung aus dem Dienst rechtlich begründen. Und schließlich schreibt die Nordkirche: „Den Zeugen, unter denen auch Betroffene waren, ist das Landeskirchenamt für ihre Aussagen sehr dankbar – auch im Wissen darum, was diese damit auf sich genommen haben.“

Eine Entfernung aus dem Dienst, verbunden mit dem Verlust der Ordinationsrechte und der kirchlichen Versorgungsbezüge, ist die nach dem kirchlichen Disziplinarrecht höchstmögliche Sanktion. Zugleich ist sie die einzig mögliche, wenn die vorgeworfenen Amtspflichtverletzungen mindestens vier Jahre zurückliegen und sich der betreffende Geistliche im Ruhestand befindet.

Hintergrund: Sexueller Missbrauch in der Kirchengemeinde Ahrensburg

Nach den im Jahr 2010 öffentlich bekanntgewordenen Fällen sexuellen Missbrauchs, begangen von zwei Pastoren in der Kirchengemeinde Ahrensburg, erlebte die Kirchengemeinde eine schwere Krise. Ein Verein „Missbrauch in Ahrensburg“ gründete sich, der zu zahlreichen Mahnwachen vor dem Kirchsaal Hagen aufrief. Während der eine Pastor sich durch eine Entlassung aus dem Dienst einem Disziplinarverfahren entzogen hatte, wurde dem anderen die Ausübung seines Amtes im Rahmen eines Disziplinarverfahrens untersagt. Nun ist das Urteil erfolgt, nach geltendem Recht sind Amtsausübungen damit wieder möglich.

Die Nordelbische Kirche und in ihrer Folge die Nordkirche hat nach langem Kampf der vom Missbrauch unmittelbar oder mittelbar Betroffenen und auch der Ahrensburger Gemeinde eine Aufarbeitung der Vorfälle in Gang gesetzt. Dazu gehört auch ein umfangreicher und öffentlicher Untersuchungsbericht einer unabhängigen Expertenkommission, in dessen Folge die Kirche einen „Zehn-Punkte-Plan“ einsetzte.

Zudem hat die Nordkirche in Folge dieser Vorfälle die Präventionsarbeit und die interne Aufklärungsarbeit neu ausgerichtet. Betroffenen bietet sie Hilfe an bei ihrer „Unabhängige Ansprechstelle für Menschen, die in der Nordkirche sexuelle Übergriffe erlebt oder davon erfahren haben“ (UNA), www.wendepunkt-ev.de/una. 2013 wurde die Koordinierungsstelle Prävention eingerichtet, die die 13 Kirchenkreise in ihrer Präventions- und Beratungsarbeit unterstützt.

Das Disziplinargericht der Nordkirche

Das Disziplinargericht der Nordkirche besteht aus ehrenamtlichen Richterinnen und Richtern, die durch einen Richterwahlausschuss für sechs Jahre gewählt werden. Sie üben ihr Amt in richterlicher Unabhängigkeit aus und dürfen weder der Landessynode, der Kirchenleitung noch dem Kollegium des Landeskirchenamtes angehören. Dem Disziplinargericht gehören zwei Juristen an, von denen einer der Vorsitzende des Gerichts ist, sowie zwei ordinierte Theologen und ein weiteres Mitglied. Das Disziplinargericht ist zuständig bei Amtspflichtverletzungen von Pastorinnen und Pastoren. Der Vorsitzende Richter des Disziplinargerichts ist im Hauptberuf Vorsitzender Richter eines staatlichen Landgerichts.

Missbrauch in der Kirchengemeinde Ahrensburg: Die letzte Mahnwache vor dem Kirchsaal Hagen. Fünf Jahre lang haben an jedem ersten Montag im Monat Menschen an die Missbrauchsvorfälle erinnert.

Missbrauch in der Kirchengemeinde Ahrensburg: Die letzte Mahnwache vor dem Kirchsaal Hagen. Fünf Jahre lang haben an jedem ersten Montag im Monat Menschen an die Missbrauchsvorfälle erinnert.

5 Kommentare

  1. ich finde es als ehemalige Partnerin eines mißbrauchten Menschen aus Ahrensburg unerträglich, wie hier bis heute Täter geschützt werden. Damals schützten die Eltern nicht etwa ihre Kinder vor diesen Übergriffen, nein sie schützten den Pastor!!! Und heute geht das so weiter! Ich bin fassungslos. Das Leid der Opfer trägt durch Unfähigkeit zu Beziehungen und Elternschaft in die Zukunft hinein, Eltern der Opfer demonstrieren um den Erhalt des ehemaligen Kirchgebäudes, aber nicht um das Leid ihrer eigenen Söhne und Töchter. Viele haben ihre Kinder noch nicht einmal gefragt, ob sie damals auch irgendwie betroffen waren. So eine verlogene Provinzstadt… Auch die Schule, an der der übergriffige Pastor Religionsunterricht gab, obwohl nicht einmal die Kirche etwas wußte und dort dieser Mann Partys mit Schülern benutzte um seine Machtgeilheit auszuüben, hält sich fein zurück. Mir wird schlecht. Steht zu den Betroffenen und Schande den Tätern!

  2. Sebastian Isert on

    Worum geht es bei diesem Verfahren eigentlich?
    Der arme Pastor hat sein schlechtes Gewissen nun schon mehr als 30 Jahre mit sich herum geschleppt. Nun ist er alt und sich keiner Schuld bewusst. Zumindest nicht so als hätte es seinerseits einen Missbrauch gegeben. Das waren also Liebschaften zu jungen volljährigen Schülerinnen.
    H. predigt gerne über Menschen, die Taten verübt haben, die nicht mit den christlichen Werten vereinbar sind. Diese Menschen sind in erster Linie Mensch. Das sehe ich auch so. Was ich nicht sehe, ist die Tatsache, dass Menschen nicht für ihre Taten zur Verantwortung, zu den Konsequenzen gezogen werden sollten.
    Wie kann ein Mensch, der vorlebt, wie es nicht geht, anderen Anleitungen, Anstöße, Leitlinien predigen, die ja ach so christlich sind. Unter Christlichkeit verstehe ich nicht, dass uns unsere Sünden von Gerichten vergeben werden, die (Sünden) wir nicht mal bereuen. Geschweige sie anzuerkennen. Alle müssen mit den Konsequenzen ihres Tuns leben – auch nach 30 Jahren. Das die Konsequenzen dieser Pastoren nun an der Lebenssituation aller beteiligter Opfer weiterhin nagen, kann auch kein Gericht verhindern.
    Das wäre schön: Sebastian, nun ist es 30 Jahre her, vergiss den Sch… verzeihe deinen Peinigern und alles ist gut. Auf die Welle spring ich auf, wenn es hilft. Dann werde ich im Reinen sein. So geht es aber leider nicht.

  3. Sabine Heinrich on

    Dieses Urteil ist unerträglich! In meinen Augen skandalös!
    Ich zitiere: „… dass die einzig mögliche und zugleich höchstmögliche disziplinarrechtliche Sanktion einer Entfernung aus dem Dienst UNTER ANDEREM ANGESICHTS DER LANGEN DAUER DES VERFAHRENS „UNVERHÄLTNISMÄSSIG“ GEWESEN WÄRE“.

    Welch eine Verhöhnung der Opfer, die IHR LEBEN LANG unter dem Missbrauch durch diesen Pastor zu leiden haben – und darunter, dass er noch dazu von anderen „Kirchenleuten“ offensichtlich geschützt und gedeckt wurde.

    Wenn ich es richtig verstanden habe, bekommt der des Missbrauchs sogar überführte Pastor K. weiterhin nicht nur seine üppige Pension, sondern er darf sogar wieder sein Amt ausüben! Der Kollege, der ihn offensichtlich durch Schweigen gedeckt hat, ebenso. Unsäglich!
    Schade, dass wir wohl nie erfahren werden, wer genau in diesem Disziplinargericht sitzt!

    Die Mahnwachen sollten wieder aufgenommen werden – vor der Schloßkirche und auch – für alle sichtbar – regelmäßig sonnabends auf dem Ahrensburger Markt!

    Sabine Heinrich

    • Christine Thomsen on

      Danke liebe Frau Heinrich!

      Hier das Wort „unverhältnismäßig“ in den Mund zu nehmen, sich das überhaupt zu trauen, ist menschenverachtend.
      Niemand will sehen und verstehen, wie sich Menschen, die sexuellen Missbrauch erlebt haben, fühlen.

      Es ist überfällig, Menschen die andere missbrauchen auszugrenzen und nicht andersherum.

      Ich hoffe sehr, dass der Pfarrer sich nie wieder als Pfarrer in die Kirche traut und Amtshandlungen durchführt. Ebenso meine ich, dass jeder die Kirche verlassen sollte, wenn dieser Mensch einen sakralen Raum betritt.

      Die Würde des Menschen ist unantastbar, sie ist heilig. Das einzig Heilige, das man als solches überhaupt deklarieren darf. Ein sexueller Missbrauch ignoriert dieses komplett und darf niemals verjähren und niemals straffrei ausgehen. Da ist die Qual einer langen Verhandlungsdauer wohl das Mindeste. Die Opfer leiden seit der Tat und bis an ihr Lebensende.

      Obendrauf wird auch noch der Probst ausgezählt, weil er dieses Urteil missbilligt. Das ist ja wohl das Mindeste. Wenn er das nicht täte, könnte die Nordkirche wohl auch demnächst ihre Pforten schließen, in Ermangelung von Mitgliedern.

      Ich bitte um Veröffentlichung über Ahrensburg24,de ob und wann die Mahnwachen weitergehen. Und vielleicht kann und sollte daraus eine Initiative erwachsen, die das Thema Missbrauch auch außerhalb dieses konkreten Falles im Blick behält.

      • Henrietta Gerber on

        Frau Veeh, sie schreiben das beide Pastoren sexuelle Mißbräuche begangen haben. Das ist so nicht richtig. Schlimm ist allerdings das Wegschauen und Verschweigen des einen Pastors zu den Verbrechen des anderen.
        Und sehr traurig ist, wie die Opfer mit den an ihnen begangenen Verbrechen leben müssen.
        Aus dem Kreis der Kirchenkritiker vermisse ich ein Statement zu den Minderjährigenhochzeiten, wie sie unter den Flüchtlingen leider üblich sind. Und das nicht erst aktuell seit zwei Jahren. Auch Minderjährigenschwangerschaften unter Angehörigen anderer Kulturkreise sind den Behörden seit zwanzig Jahren bekannt.
        Werden diese aktuellen Vorgänge auch bei der geplanten Mahnwache auf dem Rondeel thematisiert? Ich fände das angemessen. Wer dazu schweigt belädt sich mit moralischer Schuld.

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