Missbrauch in Ahrensburg: Lesermeinung zum Urteil des Disziplinargerichtes

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Lesermeinung zu dem Beitrag „Disziplinargericht zum Missbrauch in Ahrensburg: Schuld des Pastors erwiesen“ von Prof. Dr. Wagner, Rechtsanwalt.

Es ist nicht erstaunlich, dass nach der Einstellung des Verfahrens sich diejenigen wieder zu Wort melden, die sich bereits in der Vergangenheit durch diffamierende Stellungnahmen her­vorgetan haben.

Angesichts der unerträglichen, gegen das Beschleunigungsgebot in Diszipli­narsachen grob verstoßenden, von der Nordkirche zu vertretenden Verzögerungen des Ver­fahrens war es für die Verteidigung nicht vertretbar, zu versuchen, einen Freispruch zu errei­chen oder die von der Kirche erstrebte Entfernung aus dem Dienst zu riskieren. Dies hätte eine weitere Verzögerung bedeutet, denn gegen eine solche Entscheidung wäre das Rechtsmit­tel der Berufung gegeben gewesen, von dem bei einem Freispruch die Kirche, bei einer Verur­teilung Herr H. Gebrauch gemacht hätte.

Eine Beendigung des Verfahrens war dann nach ei­ner Verfahrensdauer von circa zehn Jahren zu erwarten gewesen.

Demgegenüber ist die Einstel­lung des Verfahrens durch Urteil unanfechtbar, führt also sofort zum Verfahrensende. Ein sol­cher prozessualer Verfahrensabschluss bedeutet den Verzicht auf Wahrheitsfindung, sei es im Hinblick auf Dienstpflichtverletzungen, sei es im Hinblick auf deren Verneinung. Ob belasten­de Zeugenaussagen vorlagen, ob entlastende sie widerlegten, bleibt also völlig offen.

Bei einer Verfahrenseinstellung greift die Unschuldsvermutung im Disziplinarrecht wie im Strafrecht. Davon haben offenbar die Kritiker der Entscheidung noch nie etwa gehört. Die Ein­stellung des Verfahrens hat – wie ein Freispruch – zur Folge, dass die vollen Rechte aus der Ordinati­on und der Anspruch auf das Ruhegehalt erhalten bleiben.

Es ist mehr als bezeich­nend, dass der amtierende Propst darüber nachsinnt, wie der Kirchengemeinderat dem entge­genwirken könne. Rechtsstaatliche und christliche Achtung vor dem Urteil sehen anders aus. Vielleicht sollte die Nordkirche die Inquisition wieder einführen. Hinsichtlich der „volljähri­gen Jugend­lichen“ hat der Propst das vor der Gemeinde abgelegte Schuldbekenntnis offenbar vergessen. Hier war nichts zu beweisen.

Der Respekt vor dem Disziplinargericht, das zügig und fair verhandelt hat, und vor der Nicht­öffentlichkeit des Disziplinarverfahrens (im Interesse des Beschuldigten und seiner Familie) verbieten es, auf das Verfahren im Einzelnen und auf die Gründe für die Verfahrenseinstel­lung einzugehen. Von denen, die sich jetzt zu Äußerungen berufen fühlen, hat niemand an der Ver­handlung teilgenommen. Die Kirche war bei der Urteilsverkündung durch die Ermitt­lungsführerin vertreten. Dass diese der Kirchenleitung berichtet hat, ist in Ordnung. Dass die Kir­che die erhaltenen Informationen in die Öffentlichkeit trägt, ist nicht nur ein schwerwie­gender Verstoß gegen die Nichtöffentlichkeit des Verfahrens, sondern auch ein Vertrauens­bruch gegenüber dem Beschuldigten und seiner Verteidigung, die sich dagegen nicht zur Wehr setzen können, weil sie die Nichtöffentlichkeit des Verfahrens – jedenfalls zunächst – zu achten haben.

In dieser Situation ist es schlechterdings unerträglich, wenn ein amtierender Propst ein Urteil kritisiert, dessen Inhalt er nicht kennt und über dessen Gründe er nichts weiß, nur weil ihm das Ergebnis nicht passt. Vielleicht lässt er sich eines Besseren belehren, wenn er einmal von den Vertuschungen durch die Kirche und viele ihrer Amtsträger erfährt und Kenntnis davon erhält, dass die Kirche die unerträgliche Verfahrensdauer zu vertreten hat. Zu gegebener Zeit wird auf die angebliche Unkenntnis von den Verfehlungen des Kollegen K. bei Amtswal­tern der Kirche zurückzukommen sein, sollte die Kirche nicht in der Lage sein, das Urteil ih­res unabhängigen Gerichts zu respektieren.

Prof.Dr.Wagner, Rechtsanwalt

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7 Kommentare

  1. Lieber Herr Wagner,
    wenn Sie mit diesem Kommentar:

    „Zu gegebener Zeit wird auf die angebliche Unkenntnis von den Verfehlungen des Kollegen K. bei Amtswal­tern der Kirche zurückzukommen sein, sollte die Kirche nicht in der Lage sein, das Urteil ih­res unabhängigen Gerichts zu respektieren“

    sagen wollen, dass noch ganz andere Personen sich in dieser „Angelegenheit“ mitschuldig gemacht haben, dann raus mit der Sprache. Das war Aufgabe des Vereins „Missbrauch in Ahrensburg“. Wir sind 2010 daran gescheitert, weil keiner etwas sagen wollte oder durfte.

    Wenn ein Kirchengericht ein Verfahren einstellt, weil es vielleicht noch zehn Jahre dauern würde, um eine Entlastung oder eine Schuldzuweisung des Angeklagten zu erwirken, ist dies doch sehr merkwürdig. Es gibt keine Verjährungsfristen. Das ist der Unterschied zum Strafrecht.

    Wenn Sie meinen, dass es eine gute Wahl ist, einen Menschen, dem nachweislich Ehebruch, Vertuschung von schwerst kriminellen Handlungen und einfach menschlichen Defiziten – die Reue ist nicht zu erkennen – erlaubt sein sollen, von einer Kanzel sprechen zu lassen, lässt dass weit blicken.

    Dass sich die Justiz immer weiter von der Realität entfernt, scheint kein Gefühl zu sein. Verfahrensfehler hin oder her.

    Herr Wagner, stellen Sie sich der Realität, es gibt Menschen, die sich ihr Leben lang mit den Folgen der Untätigkeit Ihres Mandanten herum schlagen müssen. Keine zehn Jahre, keine „Hetzkampagne“ ertragen müssen. Ein Leben lang, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr jedes Jahr.

  2. Sabine Heinrich on

    @ CKT Googlen hat erbracht, dass Prof.Dr. Heinz J. Wagner Rechtsanwalt zumindest von Herrn. H. ist – ein Beleg (von vielen) ist zu finden im Stormarner Tageblatt vom 11.12. 2010. Es gibt noch zahlreiche andere – einfach mal ins Internet schauen.
    Das dürfte den Beitrag erklären…

    • Liebe Frau Heinrich! Ganz lieben Dank! Es war ja zu erahnen. Sehr merkwürdig, dass das hier so einfach in dieser Form als Gastbeitrag veröffentlicht wird.

      • Liebe Frau Thomsen, die Veröffentlichung als Gastbeitrag ermöglicht auf ahrensburg24.de eine freie Meinungsäußerung. Sie steht auch offen für Berichte und Informationen, die Leserinnen und Leser einer breiten Öffentlichkeit mitteilen möchten. Damit ermöglichen sie mehr, als es die Kommentarfunktion leisten kann. Ein Gastbeitrag kann jeder einreichen, eine Veröffentlichung erfolgt nach Prüfung durch die Redaktion – vor dem Hintergrund der Meinungsfreiheit natürlich diesbezüglich wertfrei. Die Gastbeiträge werden entsprechend gekennzeichnet.

        Tatsächlich ist in diesem Fall zu der Lesermeinung zu ergänzen: Das Urteil des Gerichtes stellt nicht nach einem Freispruch die Rechte des Pastoren wieder her, sondern nach Einstellung des Verfahrens. Eine Unschuldsvermutung greift nicht. So heißt es in der entsprechenden Mitteilung und dem Beitrag auf ahrensburg24.de:
        „Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der inzwischen 76-jährige Pastor vor rund 30 Jahren sexuelle Übergriffe gegenüber volljährigen Jugendlichen begangen hat. Als erwiesen sah das Gericht ebenso an, dass er vom sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch einen anderen Ahrensburger Pastor wusste, jedoch nichts tat, um diesen den zuständigen Stellen zu melden. Beides ist mit dem Amt eines Pastors und der damit verbundenen Verantwortung für die Menschen, die dem Amtsinhaber anvertraut sind, unvereinbar.“

        Beste Güße, Monika Veeh, Herausgeberin ahrensburg24.de

        • Gertrud Tammena on

          Sehr geehrte Frau Veeh, danke für diese Klarstellung auf den auf Einschüchterung gerichteten Lesermeinungsbeitrag des Anwalts
          Prof. Wagner. Der Ruhestandspastor, der sich von Amtswegen auch als Seelsorger begreifen müsste, fühlt sich ehrverletzt, sollte aber als Seelsorger doch erkennen können, wie sehr in diesen Jahren die Integrität der direkt und indirekt durch seine Handlungen und Versäumnisse Betroffenen und auch deren Fürsprecher verletzt wurde. Insofern wäre es friedensstiftend, von einem Beharren auf seine weitere seelsorgerliche und kirchliche Amtshandlungen verzichtend abzusehen.Das sollte auch für seine Fürsprecher im Kirchgemeinderat gelten, als ein deutliches Zeichen,um letztlich zu einer Befriedung der so schmerzlichen und tiefen Einrisse beizutragen.Auf ein Gutes, Verbesserndes im Neuen Jahr!

          • Sehr geehrte Frau Tammena, vielleicht könnte noch ergänzt werden: Missbrauch und Vertuschung beruht auch auf Machtstrukturen, die zu einem Netzwerk und Geflecht werden. Jeder kann nach diesem Verfahrensabschluss für sich entscheiden, inwieweit er nicht nur über Missbrauch, sondern auch über Duldung und Teilhabe an Machtstrukturen reflektieren möchte.
            Monika Veeh, Herausgeberin ahrensburg24.de

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