Summa Summarum, Henning Venske: Mehr geht wohl nicht in Deutschland?

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Ahrensburg (ve). Henning Venske rechnet zusammen, zieht einen Strich drunter und summiert: Mit der Bundesrepublik Deutschland ist es nicht so weit her.

"Summa Summarum": Der Kabarettist Henning Venske bilanziert, begleitet von dem Akkrodeonisten Frank Grischek, in einer Abschiedstournee. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

„Summa Summarum“: Der Kabarettist Henning Venske bilanziert, begleitet von dem Akkrodeonisten Frank Grischek, in einer Abschiedstournee.
Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Der Kabarettist hat sein Abschiedsprogramm „Summa Summarum“ am Freitag Abend im Ahrensburger Marstall gezeigt. Es soll das letzte Programm sein, mit dem er auf eine Bühne geht, im Alter von 79 Jahren soll jetzt Schluss sein. Und also ist es auch ein Programm darüber, was bummelig 50 Jahre Venske’sches Kabarett haben verändern können.

Nicht viel, so sagt es der Kabarettist zwischen den Zeilen. Venske bietet in Summa Summarum eine besondere Geschichtsstunde, hangelt sich von Bundespräsident zu Bundespräsident, wie sie unter Kanzler Helmut Kohl regiert haben. Ja, unter Kohl – seit 1949 habe die Bundesrepublik nur diesen einen Kanzler gehabt, jeweils mit unterschiedlichen Erscheinungsformen, Namen und Parteizugehörigkeiten, betont Venske. Kohl habe „Leere in Hülle und Fülle“ geboten, stehe „mit Volldampf auf der Stelle“.

Die Bundespräsidenten ihrerseits hätten vielfach eine Vergangenheit als Nationalsozialist oder Vergleichbarem gehabt, einzig an Gustav Heinemann ließ Venske ein gutes Haar.

Das Ganze verpackt er in eine ausgeklügelte Sprachkunst. Die ist zum Genießen, er windet sich durch Wortfetzen, Übertreibungen, sprachlichen Kunstgriffen. Von dieser Sprachgewalt lenkt er mit nichts ab. Er steht an einem Rednerpult – mehr einem Notenständer – wie ein Professor in einer Vorlesung.

Überzeugt von seinem Unterrichts-Stoff und dessen Bedeutung für seine Studenten zieht er das Skript durch, mit, naja, irgendwie schon auch Empathie für die Menschen im Saal, die halt einfach zuhören müssen. Zur Auflockerung spielt Franz Grischek auf seinem Akkordeon, es ergibt sich ein stimmiges Bild von zwei trockenen Protagonisten auf der Bühne.

"Summa Summarum": Der Kabarettist Henning Venske bilanziert, begleitet von dem Akkrodeonisten Frank Grischek, in einer Abschiedstournee. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

„Summa Summarum“: Der Kabarettist Henning Venske bilanziert, begleitet von dem Akkrodeonisten Frank Grischek, in einer Abschiedstournee.
Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

Und was sagt er? Dass die Nazi-Vergangenheit Deutschlands nicht aufgearbeitet sei, dass es einer Gesellschaft förderlich sei, viele Kulturen zu integrieren, sinngemäß dass die Gleichberechtigung nicht auf das Maß zwischen sexueller Befreiung und sexueller Belästigung reduziert werden könne. Das Korruption und Klientelpolitik zu unserem System gehörten. Dass wir alle der Mästung des Kapitals dienen.

Ja, und dass die 68er ein bisschen Widerstand gegen Unterdrückung und Gewalt brachten, dass die Grünen – „Pastorentöchter mit Juteschlüpfern“ – zu Politfunktionären würden. Dass die Privatisierungen von Bahn, Post und Krankenhäusern irgendwie nichts verbessert hätten. Dass die Agenda 2010 Armut verursacht habe. Dass von deutschem Boden zwar kein Krieg mehr ausgehe, aber reichlich Kriegspolitik in Auslandseinsätzen der Bundeswehr. Und ach ja – die Politik: Deutschland werde regiert von quasi einer Einheitspartei, dieser Demokratieabbau werde finanziert durch die Banken.

Kurzum: Die BRD GmbH & Co KG lebe von Kapitalismus, Raffgier und Egozentrismus.

Stimmt, möchte man sagen. Die Kritik am System Kapitalismus und an der Profillosigkeit deutscher Politik ist en vogue. Ist denn die Frage erlaubt, wer die Bundespräsidenten und Kanzler dort hingewählt hat, wo sie regierten? Oder wer und was die Kinder und Enkel der 68er in die Ignoranz und Comfortzone getrieben hat? Oder wer sich denn eigentlich wohlfühlt im Kapitalismus des gemütlichen Einfamilienhauses und des modernen Sklaventums, Umweltfrevels und Scheuklappen-Gutmenschen-Tums? Schade, Herr Venske, dass Ihre Stimme nun nicht mehr da sein wird, um diese Antworten zu bekommen.

Man mag Venske verstehen, „Meine Generation hat es nicht geschafft, die Regenwälder zu retten.“ Dieser Resignation begegnet er selber zum Schluss des Abends appellativ: „Resignation kommt nicht in Frage“. Sein Aufruf aus dem Gedächtnisprotokoll: „Bemüht Euch um Gerechtigkeit, Mitgefühl, Aufrichtigkeit, Gleichberechtigung, um Bildung für alle und darum, dass Parteien gewählt werde, die Lust darauf machen, in diesem Land zu leben.“ Genauso, wie es Herr Venske und seine Kollegen 50 Jahre lang getan haben. Tschüss, Herr Venske!

"Summa Summarum": Der Kabarettist Henning Venske bilanziert, begleitet von dem Akkrodeonisten Frank Grischek, in einer Abschiedstournee - und packt zum Ende der Vorstellung ein. Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

„Summa Summarum“: Der Kabarettist Henning Venske bilanziert, begleitet von dem Akkrodeonisten Frank Grischek, in einer Abschiedstournee – und packt zum Ende der Vorstellung ein.
Foto:©Monika Veeh/ahrensburg24.de

 

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