Lesermeinung: „Grenzenloses Wachstum für Ahrensburg?“

3
image_pdfimage_print

Lesermeinung zu „Aufruf und Leserbrief: Wie wollen die Ahrensburger die Bebauung auf der Alten Reitbahn?“ von Anne Frey.

Themenbild Bauen in der Ahrensburger Innenstadt. Foto:©Silke Mascher/ahrensburg24.de

Themenbild Bauen in der Ahrensburger Innenstadt.
Foto:©Silke Mascher/ahrensburg24.de

Bereits Anfang 2017 hatte die Stadt Ahrensburg mit 34.000 Einwohnern die Einwohnerzahl erreicht, die noch vor wenigen Jahren für das Jahr 2030 erwartet worden war. Dennoch wollen einige Parteien und die Verwaltung bis zum Jahr 2030 bis zu 2300 zusätzliche Wohneinheiten ausweisen. Ein Teil dieser Wohneinheiten soll auch durch die Entwicklung neuer Baugebiete, insbesondere im Landschaftsschutzgebiet im Ahrensburger Süden, hergestellt werden. Lediglich die CDU und die Grünen haben sich gegen die zukünftige Bebauung der Landschaftsschutzgebiete im Ahrensburger Süden ausgesprochen.

Fragt man nach den Gründen, ist meist von einem erhöhten „Siedlungsdruck“ die Rede, der anscheinend auf Ahrensburg lastet. Nachprüfbare Untersuchungen und Zahlen zu diesem Phänomen „Siedlungsdruck“ liegen aber offensichtlich nicht vor. Von daher sind sämtliche Bedarfsberechnungen und Prognosen zur langfristigen Entwicklung Ahrensburgs weitgehend hypothetisch. Vor allem wird nicht untersucht, warum in den vergangenen Jahren so viele Hamburger nach Ahrensburg gezogen sind und weiterhin nach Ahrensburg ziehen wollen.

Dabei wäre es ein Leichtes, diese Zuwanderung von Hamburg nach Ahrensburg anhand von Zahlenmaterial zu erklären. Eine wichtige Ursache für diesen so genannten Siedlungsdruck liegt in den unterschiedlichen Bodenrichtwerten in Hamburg und in Ahrensburg. Der durchschnittliche Bodenrichtwert für Einfamilienhausbebauung liegt in Hamburg derzeit bei 650 Euro pro Quadratmeter (Quelle: LBS-Immobilienmarktatlas 2018 Hamburg und Umland, im Internet abrufbar).

Der durchschnittliche Bodenrichtwert für das Waldgut Hagen in Ahrensburg liegt derzeit bei 325 Euro pro Quadratmeter (Quelle: Bodenrichtwerttabellen des Kreises Stormarn, im Internet abrufbar). Das bedeutet, dass ein Käufer laut Bodenrichtwerttabelle für ein Grundstück in Hamburg im Schnitt das Doppelte ausgeben muss im Vergleich zu einem Käufer in Ahrensburg, Waldgut Hagen. Damit ist auch eine Erklärung dafür gefunden, warum gerade viele junge Familien aus Hamburg in den letzten Jahren in Ahrensburg ein Baugrundstück gesucht haben.

Tatsächlich bewegten sich die Unterschiede bei den Bodenrichtwerten nicht immer in dieser Größenordnung. Im Jahr 2002 lag der durchschnittliche Bodenrichtwert in Hamburg bei 272 Euro (Quelle: Hamburger Abendblatt). Im Waldgut Hagen lag 2002 der Bodenrichtwert bei 253 Euro (Quelle: Bodenrichtwerttabelle Kreis Stormarn). In beiden Fällen wurde eine Grundstücksgröße von 600 Quadratmetern als Berechnungsgrundlage herangezogen. Damit lagen die Bodenrichtwerte in Ahrensburg, Waldgut Hagen, im Jahr 2002 fast gleichauf mit den durchschnittlichen Hamburger Werten.

Vergleicht man also die längerfristige Entwicklung der Bodenrichtwerte, dann sind die Bodenrichtwerte in Hamburg zwischen 2002 und 2017 um beinahe 140 Prozent gestiegen, während sie im gleichen Zeitraum im Waldgut Hagen in Ahrensburg lediglich um circa 30 Prozent gestiegen sind. Das ergibt eine Differenz in der Preisentwicklung von mehr als 100 Prozent.

Selbstverständlich kommt diese unterschiedliche Entwicklung auch bei den Bodenrichtwerten für Mehrfamilienhausbebauung vor. Das erklärt, warum viele Investoren derzeit lieber im Umland als in Hamburg Mehrfamilienhäuser mit hochpreisigen Wohnungen bauen. Die Rendite bei größeren Objekten – wie zum Beispiel dem Lindenhof – ist weitaus höher, wenn ein Investor ein derartiges Projekt in Ahrensburg statt in Hamburg umsetzt.

Die Ursache für dieses Auseinanderdriften der Bodenrichtwerte zwischen Hamburg und dem Kreis Stormarn liegt offensichtlich darin, dass Hamburg und der Kreis Stormarn unterschiedliche Berechnungsmodelle haben, um die Bodenrichtwerte festzulegen. Da es kaum mehr unbebaute Grundstück gibt, kann also in den wenigsten Fällen der notariell festgelegte Kaufpreis als Berechnungsgrundlage angesetzt werden.

Im Kreis Stormarn werden die Bodenrichtwerte nur alle zwei Jahre ermittelt, in Hamburg aber jedes Jahr. Zudem werden im Kreis Stormarn bebaute Grundstücke automatisch unterhalb des Bodenrichtwerts eingestuft im Vergleich zu unbebauten Grundstücken.

Dies und weitere Unterschiede bei den Berechnungen führen offensichtlich dazu, dass sich die Bodenrichtwerte im gesamten Kreis Stormarn trotz hoher Nachfrage weitaus langsamer entwickeln als in Hamburg. Der so genannte Siedlungsdruck aus Hamburg ist also nicht zufällig entstanden, sondern er ist auch ein Folge der widersprüchlichen Vorgaben von Kreis und Land.

In einer öffentlichen Versammlung des Bürger- und Grundeigentümervereins Waldgut Hagen im Frühjahr 2017 stellte Bürgermeister Sarach die These auf, dass in Ahrensburg die Grundstückspreise in den Vorjahren zu stark gestiegen seien, obwohl dies durch die Bodenrichtwerte nicht bestätigt wird. Die Erschließung neuer Wohngebiete könne dazu führen, dass das Angebot an Grundstücken vergrößert und die Preisentwicklung dadurch gedämpft würde.

Folgt man dieser Logik, dann müssten in Ahrensburg möglichst viele neue Baugebiete erschlossen werden, um dämpfend auf die Bodenrichtwerte einzuwirken. Da die Bodenrichtwerte aber in Ahrensburg im Schnitt ohnehin nur etwa halb so hoch sind, wie in Hamburg, würde dies die Nachfrage nach Wohnraum letztlich noch weiter ankurbeln. Daraus folgt: Je mehr neue Baugebiete erschlossen werden, desto mehr steigt die Nachfrage. Selbst wenn die Stadt Ahrensburg sämtliche Landschaftssschutzgebiete und Grüngürtel zubauen würde, würde damit die Nachfrage weiter erhöht und gerade nicht reduziert werden.

Von daher bedarf es eines gründlichen Überdenkens der derzeitig ungebremsten Wachstumspolitik, der sich die Verwaltung und einige politische Parteien verpflichtet haben. Wer Wachstum will, muss sich auch mit der Frage nach den Grenzen des Wachstums in Ahrensburg auseinandersetzen. Angesichts der extrem hohen Zahl an fehlenden Kita-Plätzen und angesichts der maroden und überlasteten Straßen im Ahrensburger Stadtgebiet ist es erstaunlich, dass sich bislang nur wenige Parteien, in diesem Fall nur CDU und Grüne, mit dieser Frage auseinandergesetzt haben.

Anne Frey (parteilos)
Ahrensburg

Teilen.

3 Kommentare

  1. Anne Frey on

    Hallo Herr Lange,
    selbstverständlich stimme ich Ihnen darin zu, dass bei den zukünftigen Planungen zur Wohnraumpolitik die ganze Region zwischen Hamburg und Lübeck einbezogen werden sollte. Deshalb habe ich bei meiner Erörterung der Bodenrichtwerte auch die Hamburger Werte mit einbezogen, was bislang in den Medien leider nicht der Fall war.

    Ansonsten finde ich es sehr bedauerlich, dass die Bürger in den Medien und den Wahlprogammen mancher Parteien ständig mit neuen Zahlen zum zukünftigen Wachstum der Stadt Ahrensburg bombardiert werden, ohne dass erkennbar wäre, auf welcher Berechnungsgrundlage und aufgrund welcher gesetzlichen Vorgaben diese Zahlen festgelegt worden sein könnten.

    In dem jüngsten Bericht in der Stormarnbeilage vom 30.04. ist von bis zu 2.300 zusätzlichen Wohneinheiten bis zum Jahr 2030 die Rede. Dazu frage ich mich: Wie kommt die Stormarnbeilage zu diesen Zahlen? Warum werden diese Zahlen nirgendwo durch das Land bestätigt?

    Der Bericht von Herrn Klingel-Domdey in der Stormarnbeilage vom 30.04. beruht auf informellen Informationen aus dem Rathaus. Zudem handelte es sich um ein Treffen, das von der Ahrensburger Verwaltung und nicht von Kiel initiiert worden war. Ich finde es bedauerlich, dass ein derartiger Artikel veröffentlicht wurde, ohne dass die Stormarnbeilage zuvor versucht hat, in Kiel zu erfragen, ob die Informationen und Zahlen aus dem Ahrensburger Rathaus auch wirklich so stimmen.

    Wir Bürger werden also ständig mit scheinbaren Forderungen des Landes zum zukünftigen Wachstum der Stadt Ahrensburg konfroniert, ohne dass für uns Bürger erkennbar wäre, ob es diese Forderungen wirklich in dieser Form so gibt und auf welcher Rechtsgrundlage sie erfolgen könnten. Öffentlich bekannt wurde im Vorjahr lediglich ein „blauer Brief“ an die Verwaltung der Stadt Ahrensburg aus Kiel, aus dem hervorgeht, dass Kiel keine „weißen Flächen“ im Flächennutzungsplan wünscht. Das sind Flächen, bei denen eine Angabe darüber fehlt, ob diese Flächen z.B. zukünftig für Gewerbe oder für den Wohnungsbau genutzt werden sollen. Diese Flächen liegen vor allem in Ahrensburg-West.

    Dazu stellt sich die Frage: Warum fordert die Stadt Ahrensburg die Ausweisung neuer Baugebiete in den Landschaftsschutzgebieten im Ahrensburger Süden, solange noch nicht einmal geklärt ist, ob weitere Wohneinheiten nicht durch Innenverdichtung z.B. in Ahrensburg-West ermöglicht werden könnten? Warum wollen SPD, WAB und FDP in den Landschaftsschutzgebieten im Ahrensburger Süden bauen, bevor alle Möglichkeiten zur Innenverdichtung untersucht wurden?
    Viele Grüße
    Anne Frey

    • H.J. Lange on

      Hallo Frau Frey,
      wenn Sie den Medien nicht glauben hier mein Rat:
      Besuchen Sie die Bürger-Sprechstunden des Bürgermeisters und fragen dort direkt an der Quelle. Oder fragen Sie in einer „Einwohnerfragestunde“, etwa vor jeder Versammlung der von Ihnen gewählten Stadtverordneten, denn die müssen es ja vor deren Entscheidung wissen und die geben Ihnen auch gerne Auskunft. Oder besuchen Sie die Talkrunden, die von den Parteien angeboten werden, die Parteien wissen bestimmt die Antworten auf Ihre Fragen.
      Es bleibt noch die Möglichkeit, sich eine Obstkiste zu greifen, auf dem Rathausplatz drauf zu stellen und gaaanz laut nach Antworten zu rufen.

      Und wenn Sie dann immer noch nicht zufrieden sind, was wahrscheinlich ist, haben Sie doch wenigstens unserer Demokratie kennengelernt und hatten die Wahl zwischen diversen Möglichkeiten – ohne sich mit Wissen und Antworten belasten zu müssen.
      Und Sie dürfen fest dran glauben: Dass die da oben das schon machen.
      HJL

  2. H.J. Lange on

    Hallo Frau Frey,
    es gibt auch eine Sicht von außerhalb auf die in sich ruhende und ruhende und ruhende Stadt Ahrensburg. Eine Sicht, die etwa die altbekannte Strukturachse Hamburg-Lübeck, überregionalen ÖPNV samt Straßenstruktur und die finanziellen Verbindungen zum Kieler Landeshaushalt im Auge hat.
    Diese Sicht musste jüngst von Vertretern des Innenministeriums und erneut im Rathaus eindringlich und eindringlich und eindringlich erklärt werden: „Kiel fordert Bauflächen: Ahrensburg muss liefern“, so titelte das Hamburger Abendblatt am 30.04.2018 auf Seite 21.
    Leider werden die Bürger nicht mitgenommen.
    HJL

Kommentieren