Die Kirche und das Dritte Reich: Auf der Suche nach ehrlichen Antworten

0
image_pdfimage_print

Ahrensburg (ve). Eigentlich werden wir Deutschen international durchaus mal für unsere Arbeit zur Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit gelobt. Doch wir müssen feststellen: Nicht immer zurecht.

Die Wanderausstellung "Neue Anfänge nach 1945? Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgingen" ist derzeit in der St. Johanneskirche in Ahrensburg zu sehen. Foto:Monika Veeh/ahrensburg24.de

Die Wanderausstellung „Neue Anfänge nach 1945? Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgingen“ ist derzeit in der St. Johanneskirche in Ahrensburg zu sehen.
Foto:Monika Veeh/ahrensburg24.de

Mit einer Wanderausstellung hat sich die Evangelisch-Lutherische Kirche Norddeutschlands aufgemacht, das große Thema der Vergangenheitsbewältigung anzugehen. Jetzt macht diese Ausstellung Station in der Ahrensburger St. Johanneskirche.

Historische Untersuchungen wurden von der Nordkirche in Auftrag gegeben

Alles begann mit der Frage nach antijüdischen Maßnahmen in der Zeit von 1933 bis 1945 in den Kirchen Norddeutschlands. Gestellt wurde sie auf der Synode 1998 zum Jahrestag der Reichsprogromnacht. Es konnte keine Antwort gefunden werden und so wurde der Auftrag gestellt, die Verstrickung der norddeutschen Protestanten in den Nationalsozialismus zu erforschen. Dr. Stephan Linck wurde damit beauftragt und er stieß in Folge seiner Arbeit immer häufiger auf die Frage: „Warum beschäftigen wir damit erst jetzt?“ – mehr als ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende.

Eine Frage, die die Kirche sich zur Methode machte und Linck offiziell damit beauftragte, auch die Form der Aufarbeitung nach dem Zweiten Weltkrieg zu erforschen. Das Ergebnis ist sein Buch mit dem Titel „Neue Anfänge? Der Umgang der Evangelischen Kirche mit der NS-Vergangenheit und ihr Verhältnis zum Judentum“. Und das Ergebnis ist diese Ausstellung.

Die Wanderausstellung "Neue Anfänge nach 1945? Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgingen" ist derzeit in der St. Johanneskirche in Ahrensburg zu sehen. Sie basiert auf den Forschungsarbeiten von Dr. Stephan Linck. Foto:Monika Veeh/ahrensburg24.de

Die Wanderausstellung „Neue Anfänge nach 1945? Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgingen“ ist derzeit in der St. Johanneskirche in Ahrensburg zu sehen. Sie basiert auf den Forschungsarbeiten von Dr. Stephan Linck.
Foto:Monika Veeh/ahrensburg24.de

„Ich habe den Vorteil, offiziell beauftragt worden zu sein“, erklärt Stephan Linck im Gespräch mit der Presse, „etwas, worum mich manche Kollegen beneiden. Denn die Ergebnisse der Forschungsarbeit gefallen durchaus nicht allen.“ So wird aus kirchlichen Leitungskreisen der 80er Jahre gegen Ergebnisse der Forschungsarbeit vorgegangen, Linck: „Meist geht es darum, dass nicht die gesamte Lebens- und Arbeitsleistung der betroffenen Kirchenleitungen benannt ist, sondern die Darstellungen sich auf Verfehlungen bei der Aufarbeitung konzentrieren. Die ehemaligen Leitungskräfte empfinden es so, als werde ihre Arbeitsleistung abgewertet. Aber der Auftrag ist es eben, die Verstrickungen aufzudecken, und nicht die Benennung der anderen Leistungen.“

Ergebnisse der Forschungsarbeit

Und was hat Linck herausgefunden? Wie aktive Nationalsozialisten und Anhänger des Systems nach dem Zweiten Weltkrieg nahezu unbehelligt ihre Karrieren in der Kirche fortführen konnten. Wie die Schuldfrage oder die Verfolgung und Ermordung der Juden bagetellisiert wurde, wie spätere Friedensbewegungen abgelehnt wurden und Täter des Nationalsozialismus oder Kriegsverbrecher in der Kirche Fürsprecher gefunden haben. Ein ganzer Komplex an Verleugnung, Bagetellisierung, Ignoranz und Diffamierungen tut sich auf. Erst Ende der 60er Jahre beginnt auch in der Kirche ein Umdenken – ein langsames Umdenken. Es soll bis 2001 dauern, bis der erste – oben genannte – Auftrag an Stephan Linck vergeben wird.

Er habe weit mehr an Verstrickungen und Vertuschungen entlarven können, als er gedacht hatte, sagt Linck heute. Die Nordkirche will dies genau wissen und öffentlich machen, Propst Hans-Jürgen Buhl: „Deswegen gibt es diese Ausstellung. Wir wollen öffentlich machen, welche Mechanismen es gegeben hat. Damit wollen wir auch andere ermuntern, sich dieser Frage zu ihrer Vergangenheit zu stellen.“ Mehr noch: Jede öffentliche Einrichtung könne eine solche Aufarbeitung leisten, die Arbeit der Nordkirche könnte ein Beispiel sein.

Denn, so erlebt es der Förderverein St. Johanneskirche als Mit-Veranstalter der Ausstellung, dahinter verbirgt sich durchaus nicht ein Kirchen-internes Problem. „Es wurde einfach geschwiegen, es wurde nichts erzählt“, erinnern sich etwa Hans-Peter Hansen und Dr. Klaus Tuch vom Förderverein an die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, „das hat auch dazu geführt, das zum Beispiel Widerständler nach Ende des Krieges weiterhin diskreditiert wurden.“

Herbert Meißner, Vorsitzender des Kirchenvorstandes, erlebt es ähnlich: „Wir konnten unsere Eltern nichts fragen, es gab keine Antworten. Interessanter Weise antworten die Großeltern aber jetzt aber auf die Fragen ihrer Enkel. Auf diese Weise bekommen auch wir als die Generation dazwischen jetzt erste Antworten.“

Die Ausstellung ist noch bis zum 30. Mai 2018 in der St. Johanneskirche zu sehen. Sie wird begleitet von verschiedenen Vorträgen. So hält Dr. Stephan Linck am Mittwoch, 23. Mai 2018, eine Vortrag mit dem Titel „Ein Pastor in den 50er Jahren – Nachdenken über meinen Vater Roland Linck“. Roland Linck war Pastor in Großhansdorf, „insofern habe ich auch eine sehr private Verbindung zu dem Ausstellungsort Ahrensburg“, so Linck.

Am Donnerstag, 17. Mai 2018, gibt es um 19 Uhr einen Vortrag von Helge-Fabian Hertz, Historiker und Doktorand der Christian-Albrechts-Universität in Kiel mit dem Titel „Die Landeskirche im und nach dem „Dritten Reich““.

Am Sonntag , 27. Mai 2018, folgt um 9.30 Uhr ein Gottesdienst mit Pastor Oliver Okun in der Johanneskirche. Die Predigt hält Pastorin Hanna Lehming, Beauftragte der Nordkirche für christlich-jüdischen Dialog.

Führungen durch die Ausstellungen gibt es für Interessierte nach Vereinbarung, Kontaktperson ist Dr. Klaus Tuch per E-Mail unter dr-tuch@t-online.de, telefonisch unter 04102 / 59 459 zu erreichen. Mehr Informationen zur Ausstellung finden Sie auf www.nordkirche-nach45.de.

Die Wanderausstellung "Neue Anfänge nach 1945? Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgingen" ist derzeit in der St. Johanneskirche in Ahrensburg zu sehen. Organisatoren und Förderer der Ausstellung: Dr. Stephan Linck, Herbert Meißner, Hans-Peter Hansen, Klaus Fuhrmann, Propst Hans-Jürgen Buhl und Dr. Klaus Tuch (von links). Foto:Monika Veeh/ahrensburg24.de

Die Wanderausstellung „Neue Anfänge nach 1945? Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgingen“ ist derzeit in der St. Johanneskirche in Ahrensburg zu sehen. Organisatoren und Förderer der Ausstellung: Dr. Stephan Linck, Herbert Meißner, Hans-Peter Hansen, Klaus Fuhrmann, Propst Hans-Jürgen Buhl und Dr. Klaus Tuch (von links).
Foto:Monika Veeh/ahrensburg24.de

Teilen.

Kommentieren